…gehört ja zusammen. Macht man sich ja als Außenstehender auch weiter gar keine Gedanken. “Du wusstest doch, worauf du dich einlässt” Ich erinnere mich, wie sie das mal zu mir am Telefon sagte. Als ob man sich darauf vorbereiten könnte, wie man einem sterbenden Menschen begegnet.

Am Anfang habe ich noch an meiner Professionalität gezweifelt. Zu nahe am Wasser gebaut, jaja. Wie gehen alle Anderen so gut damit um? Warum merkt man es ihnen nicht an?  Mittlerweile weiß ich, man braucht eben ein Ventil dafür. Niemanden lässt eine Leiche kalt, die man in den Kühlraum fährt. Ob man nun eine persönliche Beziehung zu dem Patienten aufgebaut hat, oder nicht.

Mittlerweile blicke ich auf ca. 15 Menschen zurück, die ich, mal alleine, mal zusammen mit einer Kollegin in den Kühlraum gefahren habe. Fast immer war es die gleiche Situation. Auf dem Weg nach unten, betretenes Schweigen. Vor dem Kühlraum ein- zwei zynische Witze. Kühlkammer auf, Leiche vom Bett auf den Tisch, Bahre in das Fach fahren. Tür zu. Aus.

Ein, im Idealfall langes Leben mit allen Höhen und Tiefen, Schicksalsschlägen. Ein manchmal monatelang andauernder Kampf um das letzte bisschen Leben, dass noch in einem währt. Und am Ende liegst du nackt auf einer kalten Edelstahlplatte und wartest in einer 8°C kalten Kammer auf deinen allerletzten Weg. Ob du nun Frau Professor warst, oder dein Leben lang malocht hast um halbwegs gut über die Runden zu kommen.

Vor einem Monat. Nachtdienst in der Neurologie. 83 Jährige Patientin mit Mediainfarkt. Ein bis dahin vollkommen selbstständig geführtes Leben im eigenen Haus. Und doch hat es im Endeffekt nur eine Woche gedauert, bis sie starb. Laut den Angehörigen sollten keine Reanimations- oder Intensivmedizinischen Maßnahmen durchgeführt werden, wenn es soweit ist. Kommt selten genug vor. Wir haben schon 95 Jährige, multimorbide Patienten reanimiert, weil die Angehörigen sich nicht damit abfinden konnten, dass es besser wäre, Mama oder Papa gehen zu lassen. So wurde, wie so oft, lediglich verzögert, was ohnehin unvermeidbar gewesen wäre. Und so verbringen diese Menschen dann ihre letzten Tage auf dieser Erde sediert auf Intensivstationen.

Diese Frau lag nun da und “durfte gehen”. Gegen 3:00 Uhr konnte man am Monitor ablesen, wie die Sauerstoffsättigung langsam immer weiter nach unten ging, die Atmung Aussetzer hatte. Zusammen mit einer weiteren Schwester und einem Pfleger bin ich dann in ihr Zimmer, wir haben uns an ihr Bett gesetzt, die Hände und die Stirn gestreichelt und sie beim Sterben begleitet. Innerhalb von einer viertel Stunde war es dann vorbei. Puls und Sättigung nicht mehr messbar, der letzte Atemzug. Ein 83 Jähriges Leben beendet.

Dies war, so komisch es klingen mag,  einer der schönsten Momente meiner Pflegerkarriere. Einen Menschen voller Demut und voller Respekt in seinen letzten Minuten zu begleiten ist ein schönes Gefühl. In Anbetracht des täglichen Stresses und dem manchmal währenden Chaos, war es schön in diesem Minuten voller Stille für diesen Menschen da zu sein.