Na gut. Schnell zitiert ist vielleicht etwas untertrieben. Ne Menge Text zum abtippen. Und da ich keine Ahnung von WordPress hab, sieht die Formatierung auch noch aus wie Hund. Aus François Lelord‘s “Hector und die Geheimnisse der Liebe” Die schönste und lückenloseste Auseinandersetzung mit dem Thema Liebeskummer. Gestern im Nachtdienst komplett durchgelesen (es muss auch mal ruhige Nächte geben). Jeder Gedanke, jedes Gefühl ist so wunderbar und ohne jeglichen Kitsch beschrieben, dass ich es einfach teilen muss!

Erste Komponente des Liebeskummers: Entzugserscheinungen

“Ich möchte ihn/sie sehen, mit ihm/ihr sprechen, jetzt und auf der Stelle.” Der Drogensüchtige auf Entzug. Das von seiner Mutter getrennte Kind.

Zweite Komponente des Liebeskummers: Schuldgefühl

Die zweite Komponente des gemeinhin Liebeskummer genannten Zustandes ist das Schuldgefühl. Wir schreiben uns die Verantwortung für den Verlust des geliebten Wesens zu und werfen uns all unsere Worte und Taten vor, die vielleicht zum Niedergang der Liebe beigetragen haben. Besonders schmerzlich sind dann Erinnerungen an Härte, Nachlässigkeit oder sogar Spott gegenüber jenem geliebten Wesen, das uns, im nachhinein betrachtet, trotz unserer Verfehlungen großzügig zu lieben schien. Diese Vorwürfe nehmen im allgemeinen die Gestalt von Fragen an, die wir an uns selbst richten. “Wie konnte ich nur so unaufmerksam sein, als sie meine Hilfe brauchte? Wie konnte ich so mürrisch zu ihr sein, während sie alles tat, damit ich wieder gute Laune bekam? Wie konnte ich so blöd sein, jenem anderen Mädchen schöne Augen zu machen, obwohl ich wusste, dass es ihr weh tat? Wie konnte ich zuschauen, als sie sich von diesem dämlichen Kerl den Hof machen ließ, warum bin ich so untätig geblieben, hatte ich zuviel Selbstsicherheit oder im Gegenteil zuwenig? Warum bin ich auf ihre Andeutungen über eine gemeinsame Zukunft nicht eingegangen, obwohl sie damals von einer solchen träumte und nichts anderes wollte, als mich zu lieben?”

Dritte Komponente des Liebeskummers: Zorn

Die dritte Komponente ist der Zorn. Während wir bei den beiden vorangegangenen uns selbst aller Verfehlungen beschuldigten, welche uns dem geliebten Wesen entfremdet haben, bezichtigen wir nunmehr den Gegenstand unserer Liebe, sich uns gegenüber unwürdig aufgeführt zu haben. Die Person, die uns verlassen hat, verliert in unseren Augen ihren Heiligenschein aus Anmut und unendlicher Güte; ganz im Gegenteil scheint sie uns jetzt ein perverses, flatterhaftes, undankbares Wesen zu sein, mit einem Wort, ein Luder, ein Dreckskerl ersten Ranges, und jetzt möchten wir sie nicht mehr wiedersehen, um ihr unsere unwandelbare Liebe und aufrichtige Zerknirschung zu bezeugen, sondern höchstens, um ihr die Flammen unseres Zorns ins Gesicht schlagen zu lassen.

Die dritte Komponente manifestiert sich also in Gestalt quälender Anwandlungen von unterdrückter Wut, die wahre Sturmstärke erreichen können, wenn wir uns an all die Verfehlungen erinnern, welche das geliebte Wesen uns gegenüber an den Tag gelegt hat, besonders in den letzten Wochen vor der Trennung. Es hat uns tagelang ohne Nachricht gelassen, obgleich es uns doch versprochen hatte, dass wir in Kontakt bleiben. Und diverse Indizien lassen uns im nachhinein vermuten, dass es, bevor es uns tatsächlich verließ, schon seit unbestimmter Zeit mit unserem Rivalen/unserer Rivalin verkehrte, und die exakte Zeitdauer dieses Verhältnisses suchen wir mit derselben Hartnäckigkeit aufzudecken, mit der ein Paläontologe das genaue Alter eines Dinosaurierkiefers zu bestimmen sucht. Kurz bevor sich das geliebte Wesen uns entzogen hat, hatte es uns noch so zärtliche Worte gesagt und uns seiner Liebe versichert. Wenn das eine Lüge gewesen war, hätten wir einen weiteren Beweis für seine oder ihre infame Doppelzüngigkeit; sollte es jedoch ehrlich gemeint gewesen sein, so würde er oder sie sich damit als flatterhaftes, unstetes und verantwortungsloses Geschöpf entpuppen.

Dieses Gefühl des Grolls erreicht manchmal eine solche Intensität, dass es überzuschwappen droht: Wir reden dann laut zu uns selbst und geißeln das geliebte Wesen mit scharfen Worten, als stände es uns gegenüber; wir stellen uns vor, wie es zittert, weint und unter der Gewalt unseres gerechten Zorns um Vergebung bittet. Das nächsthöhere Stadium ist erreicht, wenn wir die diversen Anrufbeantworter und E-Mail-Adressen des geliebten Wesens mit drohenden und anklagenden Nachrichten beschicken oder ihm sogar Briefe schreiben, in welchen wir unserem Zorn mit so gut gewählten Worten Ausdruck verleihen, dass der andere beim Lesen genauso leiden soll wie wir selbst.

Vierte Komponente des Liebeskummers: Selbstentwertung

Die vierte Komponente ist die Selbstentwertung. Der Fortgang des geliebten Wesens hat einen Großteil Ihrer Selbstachtung zerstört. Es war ja ohnehin vorhersehbar gewesen, dass das geliebte Wesen, jene außergewöhnliche Person, nach einigen Wochen, Monaten oder Jahren des Umgangs mit Ihnen schließlich Ihre ganze Mittelmäßigkeit erkennen und zu verabscheuen beginnen würde – eine Mittelmäßigkeit, die Sie nur so lange zu verschleiern wussten, bis Sie das geliebte Wesen verführt hatten. Jetzt, wo Sie allein dastehen, werden Ihnen alle Punkte, in denen Sie anderen Menschen unterlegen sind und die Sie bis dahin erfolgreich vergessen oder relativiert hatten, auf einmal als unüberwindbare Schwächen erscheinen.

Fünfte Komponente des Liebeskummers: Angst

Die fünfte Komponente ist die Angst. Die Angst vor immerwährender Leere. Der intuitive Gedanke, dass Ihr restliches Leben nur eine emotionale Wüste sein wird, da das geliebte Wesen Ihnen nicht mehr Gesellschaft leistet. Sie merken, dass Ereignisse oder Abenteuer, die Sie früher bewegt, erfreut oder traurig gestimmt hatten, Ihnen nunmehr gleichgültig geworden sind. Sie gewinnen den Eindruck, seither überhaupt nicht mehr viel zu fühlen. In dieser Stimmung nun beschleicht Sie der beunruhigende Gedanke an die fünfte Komponente. Sie fragen sich, ob diese Anästhesie Ihrer Sinne vielleicht endgültig ist. Gewiss, Sie arbeiten noch, Sie machen neue Bekanntschaften, haben hier und da ein Abenteuer oder eine Liaison, ja vielleicht heiraten Sie sogar eine Person, die in Sie verliebt ist, aber all das interessiert Sie nur mittelmäßig, ein bisschen so, wie man sich im Fernsehen langweilige Sendungen anschaut, weil man zu träge ist, sich zu etwas anderem durchzuringen. Ihr Leben kann durchaus noch Buntheit und Abwechslung zu bieten haben, aber Sie werden es so interessant finden wie eine jener bunten Fernsehshows, also sehr wenig. Und dennoch müssen Sie diese große Suppenschüssel voll fader Brühe lag für Tag auslöffeln.

Andere Komponenten des Liebeskummers werden Sie natürlich nach und nach verlassen haben, die Entzugssyndrome werden verschwunden sein, wie es normal ist bei Süchtigen, die sich ihrer Droge lange genug enthalten. Ein bestimmter Ort, eine Melodie, ein Duft können die Erinnerung an das geliebte Wesen bisweilen noch wiedererwecken, ein Schwall des alten Entzugsleidens durchströmt Sie von neuem, Ihren Freunden fällt auf, dass Sie einen Augenblick unaufmerksam sind, und sie haben den Eindruck, dass eine unsichtbare Wolke über Ihr Gesicht hinweghuscht. Manche begreifen sofort und werden versuchen, Sie abzulenken oder vom gefährlichen Ort hinwegzuführen, so wie man einen bekehrten Trinker nicht allzu lange vor einer Bar herumstehen lässt. Und tatsächlich wird man Sie vergleichen können mit jenen Alkoholikern, die über ihre verhängnisvolle Neigung triumphieren und nur noch Wasser trinken, aber gleichzeitig erkennen, dass ihr Leben intensiver, reicher und lustiger aussah, als der Alkohol noch ihr Gefährte war. Manch einer wird uns eingestehen, dass ihn sein Leben seither langweilt, und auch uns selbst werden diese Menschen oft ein wenig farblos vorkommen, obgleich sie ziemlich angenehm im Umgang sind.

Der einzige Vorzug der fünften Komponente ist, dass Sie unter ihrem Einfluss die Widrigkeiten des Alltags gelassener ertragen – wie ein sehr erfahrener Seemann, welcher angesichts eines Windstoßes, der viele andere erzittern lässt, gleichmütige Ruhe bewahrt. Und so bleibt Ihnen jener eine Trostgedanke, den Sie hegen und pflegen: die ganze Geschichte mit dem geliebten Wesen hat Sie stärker und gelassener gemacht, und am Ende schaffen Sie es sogar, an den Wert dieser teuer erkauften Gelassenheit zu glauben bis zu dem Augenblick, wo ein gewisser Ort, eine Melodie, ein Duft …