„Ziiiehen müssen Sie! Ziiieehen! Ach nee, schieben..zur Seite schiiiiieben“ Mit dürren, ausgemergelten Armen und vollkommen ungelenk versucht die Greisin die Tür zur hypermordernen Zugtoilette zu öffnen. Vorher hatte sie wie in Panik auf einen Knopf neben der Tür gedrückt, der Ähnlichkeit mit den Knöpfen hatte, die die Zugtüren öffnen. Dieser hier sind allerdings nicht grün, sondern gelb illuminiert und ein fettes „I“ klebt darauf. Seine Funktion bleibt ihr und mir wohl für immer verborgen.

Und dann wird sie auch noch von einem dicken Emo Mädchen angeschrien. Ja, sie weist sie nicht darauf hin, sie schreit sie an. ZIIIIEEEHEN!! Schließlich steht sie stöhnend auf und öffnet die Tür für die Alte. Ich wechsle den Platz. Ob sie es wohl jemals aus der Toilette geschafft hat? Vor Augen die Schlagzeile des nächsten Morgens „Rentnerin (91) in Zugtoilette eingesperrt und verhungert! Bahn weist alle Vorwürfe von sich“ Verhungert oder verdurstet..oder was alte Menschen eben so machen.

Ich sitze einer ca. 15 Jährigen gegenüber. Sichtlich verheult ringt sie um Fassung. Was ist ihr bloß passiert? Schlechte Noten? Oder war es am Ende wieder der Freund, der schluss gemacht hat? Sind sie nicht alle Schweine? Trockne deine Tränen Mädchen. Bald ist es vorbei. Du glaubst noch nicht daran? Tja, ich leider auch nicht. Sie schaut mich verschämt an. Ihr billiger Mascara rinnt mitsamt einer Träne über ihre Backe. Sie dreht die Musik auf. Ihre schlecht abgeschirmten Kopfhörer lassen „Good Charlotte“ erahnen. Ob sie die wohl immer mit ihm gehört hat? Wer weiß das schon?

Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich mir nur während Zugfahrten, oder am Bahnsteig so meine Gedanken mache. So richtige Gedanken meine ich. Schicksale Fremder, Schicksale geliebter Menschen, das Eigene. Vielleicht auch ganz gut so. Als ob ich nicht schon genug grübeln würde über dies und jenes.

In der Bahnhofshalle ein vertrautes Gesicht. Ein Obdachloser, der immer hier zu sein scheint. Die bisher einzige Konstante in dieser Stadt. Sei gegrüßt Namenloser, schön, dass du wieder da bist. Ist er überhaupt obdachlos? Nur weil er jedes mal am Bahnhof ist, wenn ich auch zufällig da bin und den Fahrkartenausgabeschacht durchwühlt, wenn ich mir meine Fahrkarte geholt habe, macht ihn das zu einem Obdachlosen?
Immer wenn ich am Automaten stehe, drückt er sich in irgendwelchen Ecken herum, guckt auf Fahrpläne. Züge, die er wohl nie nehmen wird. Verdammt zur Existenz in der Bahnhofshalle. Sobald ich mich vom Automaten entferne, stürzt er zum Ausgabeschacht. „Vielleicht hat er ja sein Wechselgeld vergessen” denkt er sich wohl. Ich vergesse es nie. Geld, dass ich ihm in die Hand drücke, nimmt er kommentarlos an sich und hält es fest an seiner Brust, wie Smeagol in Herr der Ringe. Auch scheint er in der Hierarchie der dunklen Gesellen des Bahnhofsvorplatzes ganz weit unten zu stehen. Wenn sie dort sitzen, wahlweise ihre Trinkkumpanen, oder fremde anschreien, steht er verloren in den dunkelsten Winkeln des Bahnhofes. Immer wartend auf eine nicht zu Ende gerauchte, auf den Boden geschnippte Zigarette.

Bis bald namenloser. Bis bald ihr Menschen, über die ich während meiner Zugfahrten nachdenke.