Paul kam im Januar auf unsere Station. Er hatte eine Schleimbeutelentzündung am linken Ellenbogen, die eine Komplikation nach der Anderen nach sich zog. Sämtliche Versuche, seien es Vacuum-Pumpen, Vacuum-Pumpen, die gleichzeitig die Wunde ausspülen, einfache Verbände, oder diverse Wundrevisionen, nichts hat geholfen. Insgesamt lag Paul fast 200 Tage ununterbrochen auf unserer Station. Jeder Andere Mensch wäre sicherlich durchgedreht, doch bis auf ein paar nachvollziehbare Ausnahmen, hatte er alles über sich ergehen lassen.
Die vielen verschobenen Op’s, die vielen Röntgenaufnahmen und MRT’s, immer in der Hoffnung, der Arm würde bald heilen.

Seine einzige Sorge galt seiner Frau, die er nach ihrem schwerem Krebsleiden bereits seit über 30 Jahren pflegte. Einen Schlaganfall vor zehn Jahren mit einer schwachen, aber sichtbaren Einschränkung in der rechten Körperhälfte, hielten Ihn nicht davon ab, seine Frau, mit der Unterstützung eines Pflegedienstes, der einmal am Tag kam, zu Hause zu behalten.

Ende Januar musste er sie schweren Herzens in ein Pflegeheim geben. Sie telefonierten jeden Tag mehrmals. Wegen den viel zu kleinen Tasten des Krankenhaustelefons, musste er immer klingeln, damit jemand für ihn wählte und immer strahlten seine Augen, wenn sie auf der Anderen Seite abnahm.

Paul und seine Frau zählen zu einer Generation, der ich bisher die wahre Liebe absprach. Zu viele Zweckehen sind aus den Nachkriegsgenerationen hervorgegangen und selbst wenn es mal Liebe war, die diese alten Menschen verband, ist sie in den meisten Fällen, die ich beobachten konnte, nach all den Jahren zu einer ewigen Gewohnheit geworden. Doch wer bin ich, darüber zu richten? Ich bin jung. Auch meine Generation bringt diese Ehen hervor….

Ich erinnere mich an den Frühling, als ich zusammen mit Paul vor die Türen des Krankenhauses ging und wir gemeinsam auf das Taxi warteten, dass ihn zu seiner Frau brachte. Irgendwann im März, als er mir das “Du” anbot und wie lange es dauerte, bis ich ihn auch wirklich duzte. Wie aufgeregt er immer war, an den Tagen zuvor und besonders am Morgen des Besuchs, wenn ich ihm beim waschen half.

Wenn er Abends zurück auf Station kam, machte er immer einen so zufriedenen, ausgeglichenen Eindruck. Er hörte gar nicht mehr auf zu erzählen, auch wenn es um den Gesundheitszustand seiner Frau immer schlechter stand.

Pauls Frau ist vergangene Woche gestorben. Letzte Woche habe ich ihn das erste Mal, seit seiner Entlassung wieder gesehen. Einen Monat war er zu Hause, seine Frau blieb im Pflegeheim. Er hielt ihre Hand, als sie starb. Einen Tag später musste er wieder ins Krankenhaus. “Der Arm wird schlimmer” sagt er und seine traurigen Augen sprechen Bände.

Als ich den Stationsarzt am Nachmittag traf, erzählte er mir, dass eine Amputation des Armes für kommende Woche geplant ist. Zu diesem Zeitpunkt wusste Paul das noch nicht und irgendetwas schweres legte sich in diesem Moment auf meinen Brustkorb.

Am Freitag war die Beerdigung. Es hat den ganzen Vormittag geregnet und ich sehe Paul mit seinem notdürftig verbundenem Arm am Grab seiner Frau stehen.

Ich traf ihn auf dem Flur, als er mit der Krankengymnastik unterwegs war und wir saßen lange zusammen. “Die wollen mir den Arm amputieren” erzählt er mir, ohne Höflichkeitsfloskeln voran zu stellen. “Ich weiß” antworte ich. “Scheiß Ende” sagt er. Ich atme schwer und antworte “Schöner wärs, wenn immer Anfang wär” Er nickt und drückt meine Hand mit seiner linken.

Das hier ist für dich Paul:
Flo – Never seen the sea (Gavin Clark Cover) by flojoe-1