Label: Große Freiheit Music (Bureau B)

 

“Großvater erinnert sich” – diesen Slogan gab es in den 60ern auch schon. Bloß erinnerten sich Deutschlands damalige Großväter meist ungern zurück. Und wenn doch, dann war so manches Erinnern mehr ein Verschleiern, …und oft eben weil Geschichten aus dem Schützengraben nicht zum Kaffeetisch passten und Guido Knopp noch nicht beim ZDF arbeitete.

Fragt man heute, „woran Großvater sich noch erinnert”, dann könnten immerhin Geschichten aus den 60ern auftauchen. Wie er beim Mauerbau zusah, Sohnemann zum Gammler degradierte oder Tochter verbieten wollte, zu den Beatles zu tanzen. Doch als sich die gesellschaftliche Emanzipation der Frau noch in Stützstrümpfen befand, z.B. das „Hausfrauen-Syndrom“ bemüht werden musste, um auf eine Schieflage „in der guten Stube“ hinzuweisen, da war der Pop noch nicht lange aus der Traufe gehoben. Aber natürlich gab es schon vorher weibliche (nationale) Gesangsstars. So swingte eine Evelyn Künneke 1955 in “Du bist ein Tiger” den Männern noch reichlich unterwürfig entgegen: “Flix flax Flunder, schenk mir heut deine Gunst/Flix Flax Flunder, zeig mir all deine Kunst”. Bekannte Stars wie die späte Lale Andersen, am erfolgreichsten mit dem Soldatenlied “Lili Marleen”, versuchte sich 1963 an dem Lied “He, hast du Feuer, Seemann?”: He, hast du Feuer, Seemann? Zünd mir eine Zigarette an/ weißt du dass man Herzen plötzlich dabei brennen lassen kann?” Damit tat sie weder ihrer Gesundheit einen Gefallen, noch landete sie damit bei den „jungen Damen“. Doch dafür war schon bald durch andere gesorgt.

 

Aus heutiger Sicht muss das, was man hier hört, enttäuschen. Der Titel „BEAT FRÄULEINS – Female Pop in Germany 1964–1968“ weckt ja die Hoffnung, in den toten Winkel des altbekannte 60er-Beatles/Stones-Oszillators Licht zu werfen und, ja, mal das vorzuführen, was den Charakter ungeschliffener Diamanten hat. Doch: es sind genau diese zwei Bands und The Monkees und The Kinks und The Lords und The Rattles und ein bisschen Soul und ‘ne Prise R’n’B, die hier so beim Hören immer mit präsent sind. Alles mehr flau als spannend. Und sollte das hier nicht eher die „Cover Fräuleins“ heißen? Waren die 60er nach Allem denn wirklich so einfallslos? Die spröde-jammrigen Beat-Liedchen von Dorthe (mit einer James Last-Komposition), Patty Pay (mit einer Komposition von Ralph Siegel) Renate Kern (mit einer Werner Last-Komposition) & Co. haben die Interessierten vielleicht sogar zum Teil schon hier und da gehört. Für eine der zyklisch beliebten 60er-Jahre Retrodokus könnten sie allemal von Interesse sein … zu Bildern von rauchenden „Boys“, bunten Milchbars und feixenden Mädchen – in Zement gegossener Kitsch. Und wenn den Beat Fräuleins hier ab und zu noch Papas Bigband-Posaunen japsend aushelfen müssen, rüttelt die Hühnerbande nicht nur nicht an sämtlichen tief verankerten Männerdomänen, sondern zeigt sich letztlich noch von ihrer erzieherischen Seite: was die Eltern schon wussten.

 

Es bleiben nach knapp 50 Minuten Spieldauer letztlich die irrwitzigen Cover-Versionen im Gehör („Stop in the name of Love“ der Supremes von Simone als „Gelegenheit macht Diebe“ gecovert klingt übrigens als hätte diese den Gitarren-Sound der Raconteurs vorweggenommen. Ui!) und das Gefühl hier den permanenten Drahtseilakt zwischen Unterwürfigkeitsschlager und unbefangenem Lebejugend-Beat zuhören. Der kann für Manche spannend sein, oder aber nach 5 Songs nervlich belasten.

 

„BEAT FRÄULEINS – Female Pop in Germany 1964–1968“ ist eine weitgehend harmlose bis schmerzhaft-pittoreske Sammlung flotter Songs, die heute ins Kuriosenkabinett gehören oder eine Flower Power-Party beschallen. Sie eignet sich daher für den schrillen Liner Notes fressenden Sammler und nicht zuletzt auch als verspätetes Weihnachtsgeschenk für einen der beliebtesten Ewiggestrigen Deutschlands: Götz Alsmann. Was hat der eigentlich in den 60ern verbrochen?

 

„BEAT FRÄULEINS – Female Pop in Germany 1964–1968“ ist ab dem 20.01.2012 als CD und 180g-Vinyl erhältlich.