Ich geb’s zu, ich war erst ein mal im Molotow. Die ganzen, großen Konzerte dort hab ich noch nicht mal beiläufig miterlebt. Aber eigentlich geht’s hier doch um so viel mehr. Der Abriss der “Esso-Häuser” ist ein weiterer, unglaublich großer Schritt in Richtung Gentrifizierung. Hat jemand die Entwürfe für dieses riesige Club-Haus Ding gesehen? Wer geht da rein? Wer will so was?
Klar, die Reeperbahn und das komplette Viertel leben einzig und allein von ihrem Ruf und dieser Ruf ist es, der die Kohle rein bringt. Keine Sau interessiert sich für die Interessen einer kleinen Gruppe von Menschen, die abseits des 1€ Suffs gute Konzerte erleben will.
Was reg ich mich auf? Das Ende des Molotow und der angrenzenden Gebäude steht fest. Bereiten wir den Betreibern zumindest einen schönen Abgang indem wir die Location durch unsere Anwesenheit supporten, wo’s nur geht.
In 5 Jahren tanzen wir dann alle in den Seelenlosen, riesigen Glasbauten als hätte es das Molotow nie gegeben.

Traurig!

Stellungnahme des Molotow:

Mit Entsetzen erfuhren wir vom Molotow in der letzten Woche, dass unser Club abgerissen werden soll. Das Molotow befindet sich seit über 20 Jahren in dem als „Esso-Häuser“ bekannten Gebäudekomplex am Ende der Hamburger Reeperbahn. Unsere Bühne, auf der Mando Diao, The Black Keys, The White Stripes oder auch Mumford & Sons ihren ersten Hamburg Auftritt hatten, ist längst weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt. Doch ebenso wie der legendäre „Star Club“ ist das Molotow nichts was man woanders einfach wieder aufbauen könnte.

Es geht nicht nur um das Molotow, sondern um das wichtigste und bekannteste Aushängeschild der Stadt Hamburg in Sachen Image und Tourismus: Die Reeperbahn. Sie ist weltweit deutlich bekannter als die Stadt Hamburg selbst. Den Verantwortlichen mag gar nicht bewusst sein, was sie da zerstören wollen, aber der Schaden wird irreparabel sein. Es geht um ein Amüsierviertel, dessen einzigartiges Flair und Gesicht immer mehr verschwindet und von dem, nach einem Abbruch und Neubebauung des sogenannten „Esso-Areals“, nichts mehr übrig sein wird. Es geht um die Mieter in den betroffenen Häusern, um die Clubs und Kneipen auf diesem Gelände, kurz: um die Sozialstruktur und das Lebensgefühl St. Pauli.

Wer Szeneläden durch Systemgastronomie und Live-Clubs durch Kommerz-Theater ersetzt, darf sich nicht wundern, wenn die von der Stadt so heiß umworbenen Kreativen und Künstler nicht nur nicht mehr nach Hamburg kommen, sondern im Gegenteil in Scharen von hier wegziehen, was bereits seit Jahren passiert. Hamburg, einst DIE Szene-, Kultur- und Medienstadt der Republik, ist immer mehr auf dem sicheren Weg in die Provinzialität. Die Idee, ein innenstadtnahes Altbauviertel schick, sauber und für Yuppies attraktiv machen zu wollen, ist schon in vielen Städten umgesetzt worden und unter dem Namen Gentrifizierung mittlerweile weltweit bekannt und gefürchtet. Dies auch noch mit einem international berühmten Rotlicht- und Szeneviertel machen zu wollen, um das uns die ganze Welt beneidet, ist vorsichtig gesagt absurd. Wenn dieses Abrissvorhaben durchgeführt wird, verschwindet nicht nur das Molotow, sondern genau das St. Pauli, das Hamburg seinen Ruf eingebracht hat. Wenn in dem Neubau Zahnärzte statt Künstler wohnen, wenn statt Kneipen Systemgastronomie und statt Sex-Shops Einzelhandelsketten einziehen, dann wird aus einem kreativen Viertel ein beliebiger Stadtteil, wie es ihn überall gibt.

Seit 10 Jahren werden an der Reeperbahn konsequent Räume für Künstler und Kreative abgerissen und durch teure Büro- und Wohngebäude ersetzt. Wenn auch dieser letzte Block neu bebaut ist, wird von der alten Reeperbahn endgültig nichts mehr übrig sein.
Wir zitieren an dieser Stelle Udo Lindenberg: „Sie zerkloppen Stein für Stein von unserer alten Heimat für die aufgeblasenen Schickimicki-Vampire. Sie zerstören den echten Rock ’n’ Roll in dieser Stadt.“

Das Molotow fordert, diesen letzten Sargnagel für St. Pauli nicht einzuschlagen und das sogenannte „Esso-Areal“ zu sanieren, statt abzureißen.

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(via Testspiel)