Vor zwei Tagen im Societaetstheater, im 18. Jahrhundert Ort Dresdner Dilenttantenkunst, wurde zwischen Merlot für 3,50€ und Tango-Abend, zwischen edlen Stammgästen und jungen Naiven, zwischen klirrenden Gläsern auf den Rängen und vollem Rum-Cola auf der Bühne britischer Folk-Blues dargeboten, der nicht weniger bot, als Anlass zur bitteren Überraschung.

Es braucht keinen großen Saal für große musikalische Momente, das dürfte inzwischen klar sein. Und manchmal sogar braucht es nur einen blinzelnden Augenkontakt für den großen musikalischen Wurf. Aber wann nur erhascht man so einen Blick?

Zum Beispiel wenn gleich zu Beginn eines Konzertes jemand wie Alabaster DePlume, hagerer Multiinstrumentalist mit bübischem Grinsen und schallendem Lachen auf die Bühne steigt. Da kokettiert er bedauernd, dass er aus dem „schönen Manchester“ „at the river eeerhk“ angereist sei und auch das britische Königshaus diese Tatsache nicht versüßen könne: „I looked at the picture of our Queen lately. And she spoke to me. She said: Adore me. I’m the Queen“. Und da! Da war es, ein verschminktes Augenzwinkern, mit schmerzlichem Ernst gelernt, und reicht, um eine ganze britische Arbeitswoche zu durchlöchern.

Oder auch, wenn danach eine Liz Green ihr Set mit einem kantig-lasziven Cover von Blind Willie McTells „Dying Crapshooters Blues” beginnt, danach den Song spielt, mit dem ihr Songwriting überhaupt begann, und der – wie könnte es anders sein – ihrer ersten Liebe gewidmet ist, ja, und der – wie könnte auch das anders sein – mit drei Akkorden von Gram und leeren Hoffnungen erzählt, statt von Flugzeugen und Bäuchen. „I wrote it for ‘Martin’. Not a very romantic name.“ – unheimliches Augenzwinkern, ein paar Leute lachen.
Und mit diesem ersten Song war wohl schon damals vorbestimmt, wo der Weg einer Musikerin wie Liz Green hinführt, würde ihr das Leben nur weiter böse zusetzen, würde man sie nur immer direkter in die Arme beklemmender Lebensfragen treiben, hätten die Eltern ihr schon damals ein schlechtes Gewissen bereitet bei dem Gedanken, zu Konzertreisen aufzubrechen, und hätte sie dem Alkohol damals schon zugeschielt. Denn all das ist es, was heute in Liz Greens lovely Blues, modrigsüßen Folk und tiefen Blicken bekennend aufsteigt. „You always return with less than you startet with“, sagt sie und meint das nur aufs Materielle und auf Touren bezogen. Den imaginären Bühnenfreund – halb Vogel, halb Mann – , die besungenen Chanteusen mit Hang zur Nervosität, und ganz viel „bad medicine“ wird sie dagegen nicht wieder los. Bei dieser Bürde hilft es, streckenweise von Kontrabass und klecksendem Saxophone gestützt zu werden. Die „Partysongs“, die sich im Set verstecken, sind daher auch eher freundlich gemeinte Ort konservativer Erholsamkeit. Ausnahmen bleiben sie allemal.

In Greens Blues liegt der Folk, und im Folk der Jazz, und im Jazz der Blues. Oder war es umgekehrt? Egal, wenn es einen Ort der kurzen Distanz schafft, der wie in Dresden so wohlig wärmt, dass man aus dem Theatersessel gar nicht aufstehen will. Doch nach über einer Stunde muss man, da endet das Konzert dann doch, jedoch nicht bevor Green allein von der Bühne steigt, sich so nah wie möglich an das Publikum herantraut, eine Ballade singt, die einem die Schuhe auszieht, und sich kurz danach verabschiedet. Es ist dieser sensible Zauber, zirkulierend zwischen Bass, Saxophon, Klavier und Gitarre, oder zwischen Liz Green und dem Publikum – also dir selbst – , der dem Lachen so nahe steht wie dem Weinen. Passt ins Theater, denkt man, und hört beim Verlassen des Saals das Echo Greens Stimme im Ohr, diesen streichelnden, vergänglichen Klang.

Und so wartet die bittere Überraschung am Ausgang des Societaetstheaters, draußen, in die Nacht, vor dessen Kälte und Leere uns ein Konzert warnen wollte, über ein unsichtbares Augenzwinkern aber nicht hinauskam. Man muss es ihm verzeihen, sind wir doch alle nur Dilettanten.

08. 03 Feinkostlampe, Hannover
09. 03 Uebel & Gefaehrlich, Hamburg
10. 03 Fingerböllet, Copenhagen, Dänemark
13. 03 West Gemany, Berlin
14. 03 Manufaktur, Schorndorf
15. 03 Mowhawk, Mannheim
16. 03 King Georg, Köln
17. 03 Sparte 4, Saarbrücken