Liebes Problembär Records,
lieber Broken Silence Vertrieb,
lieber Hoanzl Vertrieb,

Danke! Ihr habt mir ein Geschenk gemacht. Wie das geschehen konnte? Na, vor 52 Tagen bestellte ich im (letzten) Plattenladen meiner Stadt eine Problembär-Schallplatte (‘Schwunder’ von „Nino aus Wien“), die ich heute endlich erhielt. 52 Tage klingt ganz schön lang. Warum das so lange dauerte? Die Antwort müsste lauten: ich weiß es nicht.
Ich weiß nur, dass ich in diesen 52 Tagen durchlebte, was vor vielen Jahren noch ganz normal war, glaube ich. Man sagte mir, es würde ein bis zwei Wochen Lieferzeit schon brauchen. Aber Pustekuchen. Wie war das mit dem digitalen Zeitalter noch gleich?
Nach 7 Tagen dachte ich zum ersten mal wieder an meine Bestellung. Ich sollte per SMS über die Ankunft informiert werden. Hier begann das Warten. Ich war sicher, die Platte zum Ende der nächsten Woche in meinen Händen zu halten und dann irgendbald darauf aufzulegen..
Nach 21 Tagen fing ich an, mir „leichte Sorgen“ zu machen und erwog die Möglichkeit, mal im Laden vorbei zu schauen … natürlich nur, um mal „gaanz entspannt“ nachzufragen. Tat ich dann doch nicht und fands befriedigender, mir Musik vom Nino-Album auf YouTube immer wieder anzuhören und ziellose Recherchen zur Band zu betreiben… Amadeus Nominierungen… auch interessant die Gruppe „Kreisky“. Vielleicht SPÖ-nah.
Nach 28 Tagen begann ich dann bei Kneipengesprächen irgendwann das Thema auf meine Plattenbestellung zu lenken, und mich zu echauffieren über diese lahmen Transportwege. Und dann alles nur für diesen schmächtigen Kerl aus Wien, der im Übrigen … und außerdem … aber trotzdem…! Einige konnten mich verstehen und ich empfahl ihnen dafür Ninos Debüt „The Ocelot Show“. Danach gabs Schnaps.
Nach 35 Tagen erste zittrig-pragmatische Überlegungen. Distanz zwischen hier und Wien: 818km. Fährt man über Prag, verlängert sich die Strecke um 39 Minuten Reisedauer – ohne die österreichischen Klischees eingerechnet zu haben. Und was wenn die Platte im Zoll feststeckt? Denn: Wien liegt ja gar nicht in Deutschland. Da wurde mir erst bewusst: Ich hatte im Ausland bestellt. Das erklärte und entschuldigte einiges … aber beruhigen konnte es nur wenig. Tagträume, in denen ich in Wiener Hinterhöfen im Müll einer gewissen Platte nachspüre, häuften sich bis dahin trotzdem.
Nach 42 Tagen dann endlich ein persönlicher Durchbruch. Ich rief ungeduldig im Plattenladen an: „ich weiß, ihr würdet mir eigentlich ne SMS schicken, aber…“, ging wenig später persönlich hin: „ich weiß, ich hab gestern schon angerufen, aber…“, und ging wenig später wieder hin: „ich wollte nur noch mal gaanz kurz fragen ob, …“. Und jedes Mal Absagen. Und jedes Mal wuchs das dumpfe Begehren nach dieser verdammten Musik – Ninos Song „Plurabelle“ konnte ich da längst auswendig.

Aber dann! Nach 51 Tagen! Das Handy vibriert, es unterbricht meine schwelende Agonie, mein seelisches Fingernagelkauen. Und ich lese: „Hallo. Die ‘Nino aus Wien’ lp kann jetzt abgeholt werden :)“ Ganz “cool“ gelang es mir, meine allgemeine Empörung und Ehrverletzung hinter ungewollt großen Kinderaugen zu verbergen, meine offenen Fragen und inneren Widersprüche gegeneinander weg zu dividieren, und überzogene Schuldzuweisungen und durchstandene Krisen letztlich als Sieg des menschlichen Charakters zu verbuchen, als ich am Tag darauf beim Betreten des Plattenladens mit dem inzwischen stark zerknitterten Abholschein winkte. Natürlich war ich der erste Kunde des Tages.
Und da war sie dann. Die Verkäuferin musste selbst schmunzeln „Nino aus Wien? Ach, diiee, jaa.“ und schob mir grinsend das Album über die Theke. „Macht dann 19,90 Euro.“ Ich wusste, dass vor 52 Tagen ein anderer Preis abgemacht war. Ich wusste, dass da was drauf geschlagen wurde. Aber das war in diesem Moment der Glückseligkeit ja egal. Es war auch egal, dass die Papphülle schon ein, zwei Macken hatte – vielleicht hat ein tschechischer Zollbeamter kurz drauf gesessen? – , und auch egal, dass die LP offensichtlich ohne Booklet geliefert wird. Und auch das LP Inlay war ein einfaches Papier-Inlay, und wirkte so schmucklos wie die Platten in Flohmarkt-Plattenkisten. Und auch war egal, dass es da gar keinen Download Code gab, und ne beigelegte CD des Albums sowieso nicht… Alles egal. Hauptsache mitnehmen jetzt. Und ich wusste: ich würde alles das wieder machen. Wie früher. Und nichts konnte ihn stören, den perfekten Heimweg …

in diesem Sinne.
glückliche Grüße,

euer Lukas