Die Gästebuch-Funktion war eines der drolligsten Website-Gadgets, die die Internet-90er hervorbrachten. Könnte man heute sagen. Doch viele „einfache“ Jobs sind auch im Internet allmählich wegrationalisiert worden – und so auch der Job des Gästebuches. Er bestand im Aufnehmen von Zweizeilern. So war das Gästebuch Sinnbild einer monologischen Bestimmtheit, sein Aufstellort Altar in sich versunkener Sätze … Heute wiederum ist er fast verschollener Botschafter einer Momentaufnahme, die Web 0.0 genannt werden könnte.

Das Internet – wie jedes neue Medium – verlangt seine eigene Geschichtsschreibung ( … StudiVZ kam vor Facebook, YouTube nach Vimeo … ). Aber deswegen sind Web 0.0-Ideen nicht einfach Botschafter aus Zeiten von Poesiealbum, Lewinsky One Side Job und isolierender Angst kurz vor dem Millennium Bug. Vor allem sind sie Botschafter einer Zeitidee, die ohne die Zeit selbst auskam. Häh?
Profan gesprochen könnte man ja sagen, die damaligen Gästebücher waren „bloß“ Kinder ihrer 0/1-Zeitrechnung, so wie man auch stumpf behaupten könnte knallbunte Homepages waren „bloß“ knallbunt, weil ihre Programmierer eben in den ach so poppigen 90ern mit HTML experimentierten. Aber nein, viel mehr war das Gästebuch die pulsierende Idee vom Wort, welches um sich selbst rotierte, bis es so sehr an Fahrt gewann, dass es aus seiner Laufbahn brach, seinen vorher unsichtbaren Rahmen durchschoss und mit anderen Gästebüchern kollidierte. Der Dialog entstand. Nicht auf den Territorien des alten Gästebuches zwar. Doch wanderte das Gästebuch oder besser: seine Idee zu den Pinnwänden und Forenseiten, in die Chats und Kommentarfunktionen. Mal mit „Zero Comments“, mal quasi auto-dialogisch, oft vergessen und teils zitiert schritt der bequeme Zweizeiler so in sein persönliches Stadium des Gold Rush. Persönliches wurde Gold wert sowie Tauschmittel, und Information erst mal nur ein Kieselstein, den man zurück in den Fluss warf. Immerhin nicht, ohne ihn vielleicht doch gelesen zu haben.
Doch vor diesem Gold Rush brauchte es die Wanderung in einen wilden weil namenlosen Westen. Hin zu einer weiten Steppe, deren Leere nur mit mystischer Aufladung zu verstehen war, und die gleichsam nur durch ihre Zerstörung erträglich wurde. Dem Pionier war daher geholfen, würde er die Ureinwohner (einmal mehr) Barbaren nennen, sie von ihrer „Ziellosigkeit“ befreien, das noch unbezeitete Land also zum Zwecke der Geschichtsschreibung mit Kalendarischem zustellen (1492, etc.) und es mit anderen alten Ideen verheiraten („Dies ist Siedlung xy“).
Vor dieser großen Wanderung gen Westen jedoch kreiste das Leben ums Wort und um Enden die gleich Anfängen waren. Zeit war eine Frage der Auslegung oder gar keine. Anders gesagt: Zeit existierte nur, wenn einer nach ihr fragte. Aber wer wollte das? Im wilden Westen 0.0 bestand Widerspruch in Form eines Reimes, der unendlich nachklang.
Nach der großen Wanderung gen Westen dann kreiste das Wort um ein Nächstes, welches wiederum um eines kreiste, dessen Laufbahn auf schnellen Schiffen transportiert wurde, bis es bei seinem Adressaten angekommen längst verwässert war. Dass man sich da missverstand, war nicht immer nur wahrscheinlich, sondern oft wohl „sachdienlich“. Entlang eines Weges trifft man jedenfalls auf mehr als nur sprechende Tiere und nuschelnde Magier.
Die große Wanderung schnitt den alten Kreis entlang seiner Wirbelsäule auf und pflasterte seine benötigten Wege mit ihr – hin zu Siedlungen, die Städte wurden, weiter zu Servern die mal Städte waren. Bis einer fragte, wer hier eigentlich die erste Frage stellte. Und statt eine präzise Antwort zu erhalten, brach ein Shitstorm aus.
Das Gästebuch ist aus heutiger Sicht nun bestimmt kein Indianer, schon gar nicht dauerbetrunken, und auch in kein unwürdiges Reservat gepfercht. Das Gästebuch ist viel mehr ein Ort der zirkulierenden Ruhe und fleißigen Einsamkeit. Ein Ort der beschriebenen Höhlenwände, unsichtbar gerahmt und bedeutungsvoll. Umzingelt aber vom Web 2.0 und dessen Bällchenbad der Binsenballerei.
Triffst du nun demnächst mal auf eines dieser zeitlosen Gästebücher, dann richte ihm einen Gruß von mir aus. Es hatte seinen Job stets gut gemacht – bis sein zu enger Rahmen sichtbar wurde.