Während man dieser Tage Zeuge der umschweifenden Albumpromo der Ärzte wird, fällt einem nicht nur auf, dass sich dabei sämtliche etablierten Medienorgane quasi die Hotelzimmerklinke in die Hand drücken, sondern auch, dass es bei Interviews und Reportagen fast nie um die Musik und fast nur um die Band, Pardon: den Menschen geht. Erst mal verständlich, bedenkt man, dass die Ärzte natürlich nicht mehr nur “Die Ärzte” sind, sondern eben Menschen mit Geschichten und Biographien (und die sogar sichtlich altern!). Die einzig innere Spannung der Gruppe jedoch liegt heute in ihrer Melange aus dem Status der halböffentlichen Personen und dem Status von Funkenmariechen des Salonrocks made in Germany. Denn als diese werden Die Ärzte bis heute vorgeführt … oder erinnert sich hier noch jemand an die letzte wirklich triftige Aussage eines Bandmitgliedes? Sind ihre Alben vielleicht nur ein jahrelanger Showtreppenwitz?
Fest steht, dass man gegen Die Ärzte nicht anschreiben kann aber muss. Natürlich werden einflatternde, negative Albumkritiken auf der fortlaufenden Promotour selbstreflektierend hervor gehoben und für ihre Stichhaltigkeit gelobt. Ein rhetorischer Gag. Der König inszeniert sich, als müsse er seine selbst geschnitzte Götterbrille kurz absetzen und am Satinhemd säubern. Überrascht es aber jemanden, dass Brillenputztücher nicht einzeln verkauft werden?
Aus den Ärzten wurden Die thronenden Zombies. Nicht weil sie durch ihre Promotage schlürfen und dabei merkwürdige Geräusche von sich geben, sondern weil sie zwischen all den Zeilen und Riffs Sinnbild einer Gruppe im ewigen Selbstauflösungsprozess sind: die Wahrwerdung des gesellschaftlichen Angstsyndroms überhaupt. Daher auch die ständigen Reporterfragen nach dem achso demokratischen Entstehen des Albums als Versuch, im Apparat “Die Ärzte” einen Funken Lebensfreude zu entdecken, wo doch sonst nichts mehr bei uns funktioniert, außer eben vielleicht noch der alte Affe Demokratie. Obendrein noch gibt die Band zu, dass das Album entsteht, indem oder weil sich drei Herren nach fünf Jahren wiedertreffen, jeder den anderen seine praktisch fertigen Songs vorspielt und dann entschieden wird, welche davon aufs Album kommen. Fast will man wetten, der schwerste Teil des Arbeitsprozesses sei die Findung eines Albumtitels.
Doch bleibt diese Idee einer Frage vorbehalten, die entweder Judith Rakers dummdreist bei 3nach9 stellt oder eben nicht stellt. Vielleicht fragt sie bei der potentiellen Gelegenheit gleich nochmal nach der Herkunft des Bandnamens. Denn was will man Die Ärzte überhaupt noch fragen? Und was traut man sich noch zu fragen? Privat ist tabu, alles andere zigfach dokumentiert und platt getreten. Die Ärzte haben alles lustig gesagt und jeden sattsam verarscht. Ich will vermuten, ihr geheimes Privatleben dreht sich so sehr im Kreis, dass es sich im drolligen Brettspielprinzip manifestiert, welches als Albumbeilage des aktuellen Albums fungiert …
So bleibt nach tausend Interviews immer nur die gleiche Frage: warum nicht einfach mal die Klappe halten? Nicht in Demut, aber mit Selbstbestimmung. Ja, das wäre es. Ein rein instrumentelles Ärzte Album. Das zumindest stünde für Musikerqualitäten und klassischen Mut auf einer anderen Ebene, als der des blasierten Spielzeugbauers. Wen juckt es, dass da jemand versucht, den Hula Hoop Reifen weiter zu perfektionieren? Alles Quatsch und hinterher hoffentlich noch Anlass zur Erleichterung, oder: alles gesetzt und eh schon verloren. Aber auch deswegen kommen Zombiestories in der Popkultur zur Zeit ja so gut an …