Wer vergangenes Wochenende auf dem Southside oder dem Hurricane Festival war, auf irgendeiner austauschbaren Fanmeile rumhing oder wer gleich ganz daheim blieb, der war nicht auf dem Lüften Festival in Frankfurt am Main, Jahrhunderthalle. Ich aber war auf diesem Lüften Festival. Und vielleicht war ich damit auf dem ersten und letzten Lüften Festival, das jemals stattfinden sollte.
Informationen zum “Lüften” deuteten auf eine gepflegte Alternative zum aufs Land fahren, Zelt beim Regen aufbauen, bei Regen grillen, bei Regen saufen und im Regen stehen, während in einer Reihe The Mars Volta, The xx und The Cure spielen. Nun, das Gelände der Jahrhunderthalle, gelegen im westlichsten Zipfel Frankfurts, ist immerhin recht geschichtsträchtig was Konzerte angeht und manchen auch bekannt dafür, seit einigen Jahren Europas größte Body Building Veranstaltung zu beherbergen, die Body-Xtreme Invitational. (kann man letztlich sogar als ästhetischen Glücksgriff betrachten, funktioniert die Kuppelhalle doch optisch auch als pochierter Bizeps mit Magnesiumanstrich).
Im Lüften Line Up also: The Shins, The Whitest Boy Alive, Jan Delay und Maximo Park, um nur die Namen zu nennen, die wohl wirklich jeder kannte. Darüber hinaus nämlich ging es auch um Ja,Panik, The Notwist, Die Vögel, Dexys, Peaking Lights, Dillon, Kristof Schreuf, Sharon Jones & The Dap Kings, Jochen Distelmeyer, Andromeda Mega Express Orchestra, Get Well Soon, Nigel Wright, James Blake, Jacques Palminger und Palais Schaumburg. Zumindest für mich.
Aber wie schreibt man über ein Festival, das nach gängiger Definition dann doch kein Festival war? Wie reagieren, wenn statt 200 Zelten nur fünf da stehen und statt 25.000 Menschen nur rund 1000 zu Jan Delay swingen? Wie berichtet man also fair über eine (Musik & Kunst)Veranstaltung, die von Freitag bis Sonntag immer so kurz davor stand, in spröde Tristesse zu kippen, dass man sich doch beeilen wollte, bloß vorher alles mal mitgemacht und abgehakt zu haben? Zum Beispiel bei einer der zahlreichen (großartigen) Art Performances Zuschauer zu sein, die verschiedenen indoor und outdoor Kunstinstallationen zu begutachten, einmal mit einem ferngesteuerten Rennwagen über eine Vinylrennbahn zu brettern oder allen Kleinkunstständen die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken.
Die Frankfurter Indie-Upperclass ist klein. Es gibt sie wohl, aber sie trollt sich anscheinend nur schleppend zur Tür hinaus, wenn vor den Toren der Stadt die tollen Fanfaren geblasen werden. Positiv daran ist, dass man als Angereister somit immer problemlos in der ersten Reihe stehen konnte, nie Bier- oder Klowartezeiten einkalkulieren musste und überhaupt der Käseglocken-Faktor so groß war, dass man sich eher früh an Location und Menschen gewöhnte und sich ein bisschen wie daheim fühlen durfte. Negativ daran ist, dass Stagediven unmöglich gemacht wurde, man das irgendwie obligatorische genervt Sein „von den Idioten da links/rechts/hinten“ vermisste und der Kontakt zum Restfestivalklientel eher gegen Null ging. Man behielt den Abstand, der auch bei einer Zeil Shoppingtour geboten ist.

Wir waren ein Geheimtipp. Wir paar Hundert. So durften wir den ein oder anderen Act verunsichern und enttäuschen. Ich frug mich, was ein James Mercer wohl über den Stand seiner deutschen Fanbase denkt, wenn der da gut gelaunt seine gefühlten 25 Hits runterrattert und 700 Leute (bei gutem Wetter) halb müde mitsummen. Oder was Frau Dominique Dillon später wohl auf ihr Ego projizieren sollte, als sie nur mit schwerster Not den Haufen in der Jahrhunderthalle ein wenig dazu antrieb, mit ihr zu singen. Oder aber was man über die Relevanz von Kristof Schreuf sagen soll, wenn während seines Gitarren-Konzertes Leute in der letzten Reihen sich so munter weiterunterhielten, dass Schreuf diesen Affront gegen seine Person selbst quittierte, indem er besagte Personen mehrfach aber höflich von der Bühne aus anschrie, sie sollen doch bitte die Klappe halten, weil er sich sonst nicht konzentrieren könne (“Ja, du da mit dem Hut … hau ab hier!”).
Ach, und dann war da ja noch der Robert Stadlober. Einer von dem man dachte, er würde nach Tag 1 in der Lüftner Wüste einknicken, stand er doch auffallend oft verirrt und zerknautscht im Bild rum, wenn er nicht gerade mit Andreas Spechtl zum konspirativen Dauerwandern verabredet war. Am Sonntag aber war dann der Stadlober schon nicht mehr zu sehen.
Lüften war das Festival der kurzen Wege, der kleinen Masse und des flauen Kopfgefühls. Wären da nicht großartige Auftritte wie die von Ja,Panik (Freitag), den Dexys (Samstag) oder Palais Schaumburg (Sonntag) gewesen, den Tagen hätten ihre musikalisch überragenden Anker gefehlt. Überhaupt beschlich einen das Gefühl, man sei Zeuge einer Veranstaltung, die so überdimensioniert und unterbeworben ist, dass die Veranstalter mit einem finanziellen Kater aus der Sache rausgehen müssten, der 10 Jahre anhält. Und das in einer Zeit, von der es heißt, “Live ginge immer”, wenn das Line Up nur stimmt.
Lüften ist der Gegenbeweis. Vielleicht aber ist Frankfurt der Gegenbeweis.
Ich beende meinen Bericht mit den Worten, die Jochen Distelmeyer am Samstag gegen halb vier leicht süffisant grinsend ans Publikum richtete. Nur will ich sie weniger zynisch wirkend wissen: “Heyy, jaa, ehm. Macht irgendwie Spaß hier … echt.”
Tschüss Lüften. Du warst speziell.