Ausschnitt T-Rex Zeichnung von Chris Giorgio, 7 Jahre, November 1994

Wir werden sagen, wir lebten in Zeiten, in denen Singleveröffentlichungen von gewissermaßen “großen Bands” wie selbstverständlich einen Video Teaser vorausschickten, bevor erst Tage später das vollständige Video auf YouTube (oder gar im Musikfernsehen) zu sehen war. Und wir werden zum Beispiel den Teaser zu Justices “New Lands” nennen können, der seit heute als eben so ein 21sekündiger Vorabhappen im Verkehr ist.

Den so genannten Buzz zu erzeugen, wie ihn die Unterhaltungsindustrie in Sachen Kino immer wieder diskursgewaltig vorlebt, scheint allerdings für Musik Acts schwerer nachzuahmen. Den Buzz (ins Deutsche ironisch aber doch treffend vielleicht als “Rauschen” übersetzbar) im Musikbereich trotzdem zu erzeugen, wo doch bei den zig hundert nebeneinander stattfinden Minibuzzes auf eine feste, (und darauf kommts ja an) zahlungsfreudige Fanbase wenig kalkulatorischer Verlass ist, muss also als Meisterleistung verstanden werden. Und Meisterleistungen werden heutzutage oft nur noch durch das Internet erbracht.
Das schöne an einem Internet Buzz ist ja, dass er seinen Lebensraum, ob nun neorealistisch oder kindlich-naiv interpretiert, immer irgendwo da hat, wo keiner so richtig dran kommt: im prosaischen Wir, wenn man so will. Dort jedenfalls, wo sich ein Zaun befindet, an dem steht “Betreten verboten. Reden erlaubt.” Ein Gedankenbild, das mich immer an eine Szene aus dem Klassiker Jurassic Park (1993) erinnert. In Jurassic Parken fahren wir als Zuschauer durch die Anlagen eines absurden Zoos, in dem wir den größten, bösesten und blutigsten Dino aller Dinos zu Gesicht bekommen sollen. Doch was passiert? Wir sehen ihn nicht. Besser gesagt: er hat erst mal keinen Bock auf uns – eine Pose, die übrigens so manchen Horrorklassiker persifliert, hatte der Bösewicht traditionellerweise doch immer irgendeine genuine Absicht.
Der Dino Buzz war also schon da, bevor wir ihn ins Kino mitnahmen, weil die so genannte “Dinomania” ausgerufen war. Im TV wiederholten sie schlechte Dinofilme aus den 70ern, man sammelte Dinoskelette aus Dinomagazinen, trug Dino T-Shirts und überhaupt besaß jedes Kind mindestens einen Plastikdino und sprach auf dem Schulhof über diesen stumpfen “T-Rex”, als ginge es seit “Jurassic Park”, dem Rädelsführer der 90er Dinobande, um nichts anderes, als eben Dinoplastik und T-Rex teenage angst. Dass die Dinomania ein Buzz war, wie er im Lehrbuch steht, ist heute wohl unbestritten.
Und natürlich kam der T-Rex nicht drum herum, irgendwann aus seinem Filmgebüsch herauszustolpern. Manifestierte er sich zunächst in unseren Ohren durch lauter werdende Stampfgeräusche und grausig-schaurig erfundenes Dinogeräusper, stand er dann irgendwann “wirklich” da. Sauer vielleicht, weil er nass vom Regen wurde.
Der Buzz ist für viele die Vorfreude. Für viele andere die Angst vor dem Unbekannten, vor der wir uns nur durch die kathartische Wirkung der Mitsprache, des Blabla und des Abgleichs dessen mit der letztendlichen Offenbarung der Sache selbst retten. Die emotionale Reibung macht aus einem krüppelarmigen, fast blinden und vor allem scheuen Dino das größte Monster aller Zeiten. Und das Basteln eines hyperhollywoodesken Teasers macht aus zwei Franzosen, von denen bekannt ist, dass sie ihre Musik gern im Schlafzimmer produzieren, zwei …ja, zwei was? Werbeträger für Red Bull vielleicht? (man beachte z.B., dass das Football Team Red Bull trinkt und zudem eine blau weiße Uniform trägt)

Links: Filmstill aus “An jedem verdammten Sonntag”. Rechts: Ausschnitt aus Justice “New Lands” Teaser

Diesen Erzählstil, den das Hollywood Kino also seit langer Zeit kennt, hat offenbar inzwischen seine Wurzeln in Nachbardisziplinen geschlagen. Da kann es nur eine einsilbige Ironie der Geschichte sein, dass gerade Justice als musikalisches Duo, das stark von Samples anderer Musiker lebt, auf visueller Ebene eben auch von den Samples anderer lebt – andere Filme in diesem Fall (ganz zu schweigen vom Bandmarkenzeichen, dem Kreuz, natürlich…)

Links: Filmcharakter Snake Plissken (Kurt Russel). Rechts: Ausschnitt aus Justice “New Lands” Teaser

Dieser Teaser wirft uns so viele Zitatköder hin, dass es uns schon schwer gemacht wird, kaltschultrige Abwendung zu signalisieren, war doch das zweite Album der Gruppe Justice bekanntermaßen ein mittelschweres Fiasko. Hier also ein Dr. Strangelove Zitat, da eine Piraten/Snake Plissken Anspielung und alles möglichst getüncht in einer all-american Atmosphäre, die nicht zuletzt durch die Bildkörnung mit dem Leinwand-Chique der späten 1990er spielt.

Links: Filmstill aus “Dr Strangelove. Or howi learned to stop worrying and love the bomb” (Peter Sellers). Rechts: Ausschnitt aus Justice “New Lands” Teaser

Was ist hier also los? Auf die Verwertungslogik des großen Kinos berufend (und der des großen product placements), suchen die Manager von Cash Cows wie Justice, Noel Gallagher’s High Flying Birds (z.B. “Everybody’s On The Run“, 2012) oder auch Janelle Monae (“Many Moons“, 2008) den nächsten Buzz Trigger in der Vermählung mit dem Kino und adoptiert all die anstrengend geratenen Kinder des Kinos gleich mit. So werden nämlich gleich drei Schablone übereinander gelegt. Die des klassischen Musikvideoformats, die des boomenden Serienformats und schließlich der von “Papas Kino”. Letzteres wird währenddessen zum Archiv gemacht, das vor seiner genussvollen Ausschlachtung erst noch steht. Und ich denke, der eine oder andere wird sich noch zurückwünschen in die Zeit, als Justice als eine der ersten Mainstream Acts ihre Video Teaser darboten …
Aber! Vielleicht sehen wir hier auch die Anfänge einer Rettungsaktion des Musikvideos wie wir es die meiste Zeit der Nuller Jahre kannten – ála “put the video back in music”.
Und will man auf dem Gebiet überhaupt genau sein, muss Ursprungssuche ja auch bei “Tommy” (von The Who, 1975) oder gar noch viel früher angesetzt werden. Und trotzdem befinden wir uns heute in einem neuen Transformationsprozess des Mediums “Musikvideo”. Schwingt es heute also noch meist in unerregtem Zustand zwischen arty Vimeo-Existenz und nicht so arty YouTube-Jukebox, vergisst es dabei, wie viel Reibung und Angst es in der Lage ist zu erzeugen.
In Anbetracht einer möglichen Renaissance auf Hollywoodkrücken und unterfüttert mit ganz viel Promo-Knowledge wirkt der Justice Teaser wie der putzige Versuch einer Künstlergeneration, die mit Popformeln auf Blockbuster wirft und sich dabei immer genau so blamiert, wie blamabel letztlich der zugehörige Song ist.
Dass im Teaser nämlich praktisch nur der Riff des letzten Drittels von “New Lands” gefeatured wird, könnte auch daran liegen, dass der Rest des Songs eher wie die neuerliche musikalische Untermalung eines AC/DC Aerobic Videos wirkt. Zum Glück wenigstens war dann wohl auch dem Regisseur von “New Lands” klar, dass aber die Aerobic-Sparte seit 2004 ja hinreichend bedient wurde… klar, lernte der ja sein Handwerk im Musicbiz.

Vorher: Mach die Musik mal leiser, Teil 1. Gäste ohne Buch.