Das erste Anhören startet hektisch. Zuerst weniger wegen der Musik, sondern wegen der Frage: “Woher kommt dieses Drumming?” Synthesizer, ein Riff, dass nicht besser zu einem Intro passen könnte und dann: “Hab ich hier noch irgendwo nen Player offen? Läuft Spotify noch?” Nein, das Drumming stammt vom Track. Ein gewaltiges, fast schon Black Metal- artiges Gewitter kommt da auf mich zu. Die Jungs lassen von der ersten Minute an nichts anbrennen. So kanns weitergehen.
Die Latitudes stehen für atmosphärischen Post- Metal, der ab und zu durch die Stimme von Adam Symonds (Eden Maine, The Rifle Volunteer) unterstützt wird. Wer nach dem ersten Track wüstes Gebrülle erwartet, wird nicht schlecht staunen, wenn er Symonds’ Falsett Stimme zum ersten mal hört. “Individuation” bietet insgesamt weniger Kopfnicken, mehr quietschende Soli- Parts. Weniger Doom, mehr Speed.
Technisch perfekt waren sie schon immer. Jederzeit könnte ich sowohl Drummer als auch die Gitarristen aus hunderten Anderer Künstler heraus hören und ich weiß gar nicht, was ich lobender erwähnen sollte, die unglaubliche Präzision der Gitarren, oder die vielen, kleinen aber unverzichtbaren Details beim Drumming.

Adam Symonds’ Stimme fand ich beim Vorgänger “Agonist” noch unpassend, jetzt hat man nicht mehr den Eindruck, dass der Gesang um die Tracks herum gebastelt wurde, sondern, dass er Teil des Songwritings war. Jedes mal, wenn sich die bei Instrumental Bands durchaus übliche Stagnation, sprich Langeweile einstellt, weil es durchaus kein leichtes ist, den Hörer bei der Stange zu halten, kommt Symonds daher und wertet die Tracks und damit den ganzen Album- Fluss ungemein auf.

Möglicherweise packen die Latitudes auf “Individuation” mehr Riffs zusammen, als andere Bands in drei Alben. Nach zwanzig Minuten, der scheue Blick auf die Playlist: Track 3 von 8. Was zur Hölle kommt denn da bitte noch? Zuerst einmal durchatmen, “Isleward” als Intro zur ersten Auskopplung “Shapeshifting”, dem vielleicht schwächsten Track auf dem Album wieder mit Adam Symonds.

Wieder wird das Tempo heraus genommen. Piano, Hammond- Orgel. Irgendwas großes kündigt sich da an, man spürt es einfach. Die größte Überraschung kommt aber erst mit dem letzten Track “Individuation (Telos)”. So viele Tempo- Wechsel und Ausflüge in andere Genres bekommst du nicht nur bei keinem anderen Track, sondern bei keiner anderen Band zu hören. Der große Knall erwartet einen mit quietschendem Feedback nach fünfeinhalb Minuten und lässt mich kopfschüttelnd und mit offenem Mund zurück. Was für eine unglaubliche Band, was für ein großartiges Album!

“Individuation” erschien am 02.07. auf Shelsmusic. Streamen kannst du das Album hier.

 

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