Hochnäsige Arroganz, oder die lyrische Depression eines Anfang 20 Jährigen? Studentenrock oder Post- Punk? Hamburger Schule oder Münsteraner Innovation. Der erste Eindruck hinterlässt mehr Fragen, als einem lieb ist. Nimmt man sich aber die Zeit, “Im Schwindel” näher kennen zu lernen, statt ihm voreilig Stempel aufzudrücken, der wird mit einem so vielseitigem Album belohnt, wie ich es bisher noch nicht gehört hab.

Messer kommen aus Münster. Einer Stadt die ich in erster Linie mit dem Skateboardoligarchen Titus Dittmann und offensichtlich guten Locations für Hardcore- Konzerte in Verbindung bringe. Gute Bands aus Münster? Keine, die mir in Erinnerung geblieben wären.

Musikalisch bewegt sich das Alles irgendwo zwischen modernem Indie und dreckigem, dreißigjährigen post-punk. Die Intros lassen oft böses erahnen. “Augen in der Dunkelheit” hört sich im ersten Moment an, wie ein austauschbarer “Strokes” Song, doch stellt sich bei jedem Einsatz des Sängers Hendrik Otremba ein wohliges Gefühl ein. Ein wohliges Gefühl in einem so dunklen und hasserfüllten Album? Sicher. Die Gitarren- Effekte sind oft nur Mittel zum Zweck und erreichen bei mir nicht das, wozu sie ganz offensichtlich eingestreut wurden.
Und doch ist das hier alles solide. Die Jungs wissen, wie sie den Hörer bei der Stange halten und selbst mit vermeintlich ausgelutschten Riffs, genau die richtigen Emotionen erzeugen. Knarziges geschrei, trockener Sprechgesang. Die Wut ist immer spürbar.

Deiner alten Knochen Körper steht im Licht
Um der trüben Augen Schatten bricht es sich
Nimm Reißaus vor den Dämonen, nur dass du müde bist
Wenn’s mich nie gegeben hätte, hättest du mich dann vermisst?

Philosophie- Erstsemester werden das feiern. Aber das hier ist mehr. Die Alltagsbeobachtungen beim grandiosen “Gassenhauer”, die in Worte gefasste Scheinheiligkeit bei “Lügen”.

Nicht unerwähnt bleiben soll das wunderbare Artwork, dass mich spontan an irgendwas von Franz Josef Degenhardt erinnert. Wer hat das gemacht? Gibt’s da noch mehr? Und es ist nicht nur das Artwork. Die Analyse eines einsamen Irren bei “Abel Nema”, ein Mensch der von jedem auf der Straße gemieden oder übersehen wird, könnte diese Beobachtung eines Verlierers dieser Gesellschaft nicht auch von Wader oder Degenhardt stammen? Sind Messer die logische Konsequenz aus dem verhallten Protest unserer Eltern? Bleibt nur noch die Resignation? Schon wieder Fragen. Verdammt “Im Schwindel”, was machst du mit mir?

Diese Jungs wollen keine Revolution. Die wollten sie nie. Diese Jungs wollen nen Grund, morgens aufzustehen.

“Im Schwindel” erschien am 22.06.2012 auf This Charming Man und ist unter Anderem hier zu erwerben.