Natürlich gibt es Alben, die die Jahre nicht überstehen. Fast alle nämlich. Alben sogar, von denen man glaubt, sie tragen bei ihrer Veröffentlichung den unverwechselbaren Fingerabdruck eines Zeitgeistes, stünden für einen Moment zwischen zwei Punkten, eine Bewegung, mag sie noch so klein sein, vielleicht eine innerliche.
Firewater, das ist der in beachtlicher Eigenart dahin musizierende Amerika-Orient-Express um Ex-New Yorker, Sänger & Globetrotter Tod Ashley. 2008 lieferte er mit „The Golden Hour“ ein lang erwartetes Album ab. Es war das erste Album seit dem meisterlichen „Psychopharmacology“ (2001 von Pitchfork mit einer 8.6 bewertet), das wieder an eine Rückkehr Firewaters glauben ließ. Ein Album wie ein fernöstlicher Paukenschlag, glückseliger Freudentaumel – die Liveshow glich einer einzigen Offenbarung. Was „The Golden Hour“ so besonders machte, war aber nicht nur seine Effizienz in der Verbrüderung orientalischer Musiktradition und Nordamerikanischen Punkrock-Pose. Gerade seine unweigerliche Rahmung durch eine weltpolitisch verkeilte Situation machte aus „The Golden Hour“ eben mehr als nur die musikalische tour de force der Friedensangebote, die sie war. Es wurde auch ein popdiplomatischer Rettungsversuch. Einer, der in Rauch aufgehen musste.
Aber ich, ich war begeistert von „The Golden Hour“. So begeistert, dass ich das Album nach den damaligen 10 Durchläufen bis heute nicht mehr gehört habe. Was war passiert?
Die Welt scheint sich seither um 360° gedreht zu haben und hat bei ihrem Rundumschlag einige Bäume gefällt. Eine Arabische Finanzkrise und ein Europäischer Frühling. Das wäre mal was neues. Stattdessen gewöhnte man sich aber politisch wie popkulturell ans Warten auf den nächsten großen Knall. Und so warten wir, Slogans produzierend, fressend, verwerfend.
Wir warten zum Beispiel bis zum 7. September 2012. „International Orange“ erscheint. Ein Albumtitel wie ein Slogan, der an eine weltumspannende „orangefarbene Revolution“ appelliert, ein bisschen eben nach Vorbild der Ukraine. Damals, vor acht Jahren – eine gefühlte Ewigkeit her – stieg die Ukraine plötzlich zum europäischen Idealbild zivilen Protests auf, einfach so. 2010 dann Tunesien, man kennt den Rest der Story ja.
Augenzwinkernd nehme ich an, fordert Tod Ashley im Angesicht der beeindruckendsten Revolutionsserie der letzten 70 Jahre nun „A Little Revolution“, Spurenelement-Revolution, ironisch überhöht, in seiner Istanbuler Wahlheimat erdacht, bei Bier und Kippen vermutlich. „We don’t want to cause no fuzz, we just want a little revolution“ – eine innerliche Revolution vielleicht?
Getragen von dem obligatorischen Road Movie Gitarrensound und den mal mehr mal weniger exotischen Instrumenten tuen sich die Songs erst durch ihre griffigen Melodien und dann durch ihre Texte hervor. Zurecht, waren Letztere immer schon die heimlichen Highlights auf Firewater Alben. Und Tod Ashleys kraftvollsten Waffen gegen diese Welt waren immer schon seine an sich selbst gerichteten Worte. So ist die kraftvollste Waffe dieses Albums der herausragende Song „Feeling No Pain“. Ein Selbstgespräch über one of these days und die schlussendliche Feststellung, schon überall auf der Welt mal gewesen zu sein – been there, done that – nur der Schmerz, der bleibt inzwischen aus. Und womöglich ist es genau dieser Schmerz, der „International Orange“ zu seinem Gelingen noch fehlte.
Was bleibt: wäre Firewaters Album „The Golden Hour“ heute veröffentlicht worden und wäre 2008 „International Orange“ erschienen: beide Alben müssten als inspirierte, ja prophetische Zeitdokumente eines Mannes gelten, der sich uns zuliebe für die Fremde entschied und dort aus dem Vollen schöpft. Meisterwerke wären es. So aber sind beide Alben reaktionäres Hörfutter. Dokumente der sanften Rückwärtsbewegung eines Sängers, der mal New Yorker Punk war. Aber: wie kann man ihm das verübeln in einer Zeit, deren Zeugen auf den großen Knall warten, der für sie selbst dann eben doch nie kommt. Egal in welche Richtung sich die Welt bewegt …

Wertung (von 1 – 5):

Und jetzt genieße ich erst mal wieder “The Golden Hour”. Im Oktober seht ihr mich dann auf der Europa Tour..