Der Tallest Man On Earth und ich sind so ne Geschichte für sich. Zuerst gehasst, dann durch einen guten Freund, der ihn in der Endlosschleife spielte, recht schnell lieben gelernt. Technisch gut, klar, aber diese Stimme.

Das alles muss mich im Jahre Vier nach seiner Entdeckung nicht mehr kümmern. Kristian Matsson ist ein unglaublicher Gitarrist und Songwriter. Wer sein Talent anzweifelt, darf einfach nie wieder auch nur ein Wort über Musik verlieren.

Ich schlendere über Herbstnasses Laub auf dem Weg zum Kampnagel. Überall verstreut stehen Hipster in Bundeswehr Parkas auf der Suche nach Karten. “Ich bin Blogger, ich steh’ auf der Gästeliste!” Naserümpfend stolziere ich an ihnen vorbei. Anfänger.

Quatsch. Natürlich tu ich das nicht. Bis zur letzten Sekunde hab’ ich Angst, dass ich weder auf der Gästeliste stehe, noch eine Karte bekomme, die ich hier höchstens noch abgreifen kann, indem ich mich prostituiere, oder ein Monatsgehalt auf den Tisch lege. Anders wird es nämlich sicher nicht möglich sein, die bestuhlten Reihen des Kampnagel zu betreten.

Aber alles läuft gut. Wie angekündigt steht meine neue beste Freundin Anja hinter dem Gästelisten- Tresen und klopft mir und meiner Freundin den Stempel auf die Hand. In der Pause auf ein dankeschön- Bier verabredet gehts auch gleich in die heiligen Hallen.

Der Support Daniel Norgren macht was zwischen Van Morrison, The Band und Seasick Steve. Aber scheinen diese Genres auf den Ersten Blick auch noch so ähnlich, so unterschiedlich wirken sie bei näherer Betrachtung. Weder Fisch noch Fleisch, weder Soul noch Blues wird einem hier geliefert. Technisch immer perfekt, klopft Daniel Norgren neben dem Gitarrenspiel und dem Gesang mit seinen Füßen noch auf einer Snare und einer Bass-Drum herum und das ist es wohl auch am Ende, was mich stört. Das hier ersetzt keinen Drummer. Lieber auf den Mann an der Orgel verzichten und dafür nen richtigen Drummer einstellen. Gut gemeinter Rat.

Der Tallest Man On Earth hat ne Menge Selbstbewusstsein getankt, seit ich ihn das letzte mal vor ziemlich genau zwei Jahren in Frankfurt gesehen hab. Der Mann mit den definitiv slimsten Beinen auf der Welt turnt schon vor dem ersten Song auf der Bühne herum, als wäre das hier ne Theateraufführung und kein Konzert. Immer mal wieder nuschelt er gut gelaunte Worte in die Menge, die ihn sehr andächtig- weil sehr ruhig und respektvoll- aufnimmt.
Und er spielt sie alle. “Love Is All” genauso wie “1904”, “The Dreamer” genauso wie “There’s No Leaving Now”. Der wirklich richtig perfekte Querschnitt aus seinen drei Alben, ohne Nostalgiker zu langweilen oder Neunankömmlinge zu verschrecken.
Als Mensch, der seine Stücke in erster Linie alleine vorträgt, hat man ja an sich immer das Problem, dass das Drumherum recht schnell langweilt. Ein einzelner geht in einer perfekten Lightshow unter, wirkt jedoch gleichzeitig albern, wenn er versucht aus dem Nichts Stimmung zu generieren.
Kristian -Spaßvogel- Matsson hampelt mit seinen Spaddel-Beinen über die Bühne, wird sprichwörtlich eins mit seiner Gitarre, wenn er sie nah an sein Gesicht zieht und die letzten Noten mit einer Mimik hervorzaubert, als würde er ein Kind gebären. Spricht unverständliche Worte mit seinem Stuhl, wie Clint Eastwood auf einer Romney Veranstaltung, als er am Klavier sitzt, ohne auch nur eine Sekunde albern zu wirken. Verrückt vielleicht, aber nie albern.

Der Tallest Man On Earth wächst und wächst und überwältigt mich nicht nur mit seiner perfekten picking- Technik, sonder auch mit seiner unvergleichlichen Spielfreude. Wenn er am Klavier sitzt und davon erzählt, dass er sich wie Bolle darauf freut, dass ihn seine Frau nach monatelangem Touren endlich besucht, dann freut man sich mit ihm und “The Dreamer”, der bisher höchstens persönliche Gefühle in einem geweckt hat, wird plötzlich zu Kristian’s und Amanda Bergman’s wiedersehens- Song und das ist schön!