Auf meinem Schreibtisch liegen gerade zwei Bücher. Zum einen die Neuauflage von Teipels “Verschwende deine Jugend”. Zum anderen das autobiografische Buch Lutz Dammbecks, dem ursprünglich Leipziger bildenden Künstler und vor allem wohl Dokumentarfilmer.
Und so sehr sich wie im Fall von “Verschwende deine Jugend” über die NW respektive NDW philosophieren lässt, so wenig ist es möglich eine ähnlich dickhäutige Erzählung über die DDR Popkultur und ihre Flächen abseits von Karat und Dissidenten-Folk zu stülpen. Das liegt nicht nur daran, dass es in der DDR “gewisse Restriktionen” gab, was das freie Musizieren betraf. Auch ging damit einher, dass ganz viel jugendliches Dorf- und Vorstadtgewusel nie wirklich dokumentiert wurde/werden konnte. Verlorene Zeit.
Dammbeck nun aber schlägt mit “Besessen von Pop” in eine ganz andere Kerbe. Notwendigerweise quasi. So ist Dammbeck zwar einer des Pops, aber ist es gleichzeitig auch nicht. Und so ist dieser Buchtitel ehrlich mit sich selbst, und er ist es nicht. Er und Dammbeck sind damit aber vielleicht beide Kinder ihrer Zeit.

Edition Nautilus
Kleine Bücherei für Hand und Kopf – Band 63
288 S., 18 €

“Besessen von Pop” erzählt die Geschichte eines Enthusiasten im zunächst DDR Kunstbetrieb (á la “do it yourself”), dann in dem von West Deutschland (á la “krasse neue Welt”) und schließlich in dem der BRD (á la “anything goes”). So hangelt Dammbeck vor allem entlang seiner Dokumentarfilmarbeiten wie “Zeit der Götter” (über Hitlers liebsten Bildhauer Arno Breker, 1992) oder “Das Netz” (über Berkeley Dozent und mehrfach Bombenattentäter Ted Kaczynski, 2003), vermeidet aber im Making Of Charakter dieses Buches ein bloßes Aufreihen von ach so tollen Menschen, mit denen er irgendwann zusammenarbeiten musste. Dafür ist Dammbeck ohnehin zu sehr Einzelgänger. Eher schon ist es ein Handbuch über das Dranbleiben an den abseitigen Themen. Wie man sich beim Fund des Nazigolds nicht verhebt sozusagen.
Was sich aus der Distanz hin und wieder liest wie ein Rechtfertigungsbericht über das so-und-nicht-anders der Dammbeckschen Aktivitäten, war für mich aus der Nähe der offene Türschlitz zu einem vergessen geglaubten Teil deutsch-deutscher Kunstgeschichte. So dürfte es sicherlich jedem TV Sender schwer fallen, einen Abend zu füllen mit Augenzeugenberichten über den subversiven “Ersten Leipziger Herbstsalon” (1984) oder die mutmaßlichen Verstrickungen im Fall des Kunstattentats an Arnulf Rainer Bildern und den Bombenanschlägen der “Bajuwarischen Befreiungsarmee” 1997. Nein, klassischer TV Stoff ist das hier wirklich nicht. Und darüber muss man irgendwie auch froh sein.
Vieles wirkt nach wie der profane Krimi derer, die die Polizei nie vernahm. Wie eine Collage von Dingen, die sich selbst vernehmen muss, um gehört zu werden. Und: “Besessen von Pop” ist so ein kleiner aber feiner Beitrag dazu, wovon man nicht wusste, dass dazu überhaupt beigetragen werden kann. Gewonnene Zeit. Gegensätze, überall Gegensätze. Und auch das ist Pop, liebe Freunde: das große Spiel mit dem Nichts dazwischen. Gutes Buch.

DVD Box mit den Dokumentarfilmen Dammbecks: http://www.arte-edition.de/item/470.html
Buch bestellen bei Nautilus oder halt woanders..