Dabei sollte doch nach Jahrzehnten der Herzschmerz-Alben langsam klar sein, dass es auch bei einem neuen Versuch nur darum gehen kann, halb automatisch halb kalkuliert die Teile der kaputten Liebesbeziehung hervorzuheben, die das Durchscheuchen durch den Zustand des eigenen Kaputtseins überhaupt halbwegs überstehen. Und daraus dann Songs bauen. Ganz einfach. Oder halt nicht. Okay, natürlich ist das die Herkulesaufgabe, zu der man rein physisch schon nicht in der Lage sein dürfte. Eine Absichtsbekundung in diese Alben-Richtung ist nun aber “Input”, das Debüt der neugegründeten Berliner Band Ecke Schönhauser um Florian Pühs (HERPES, SURF NAZIS MUST DIE).
So ist zum einen zu fragen, wie okay man es finden darf, wenn die auf Albumlänge vermisste und verfluchte Herzensdame gleich einem Wanted-Plakat das Cover dieses Albums ziert. Und zum anderen, wie “groß” eine Liebe sein muss, damit mit ihrem Ende auch ein großes, würdevolles Album entsteht.
Betrachten wir für kurz den Film “Hiroshima Mon Amour” (R: Alain Resnais, 1959). Darin eine Französin aus Nevers und ein Japaner. Verliebt vor der Kulisse einer schattenhaften Stadt: dem wiederaufgebauten Hiroshima. Beide schweben sie fast wie Geister umeinander, dem ständigen Dialog aber auch den Erinnerungen an eine Kriegsjugend und die schmerzlich verblichene erste Liebe verfallen. Die merkwürdig menschenleere Stadt isoliert sie dabei von einem draußen, von einem Spiegel, einer Relation, ja überhaupt einer Interaktion außerhalb der eigenen Gedankenglocke. Es passiert das scheinbar unvermeidliche: diese Stadt! sie zwingt beide schließlich zur Kapitulation, zur Kapitulation vor einer gemeinsamen Zukunft. Sie wirft Bomben. Bomben auf seine Bewohner und sich selbst. Bomben auf alte Erinnerungen und ihre Besitzer. Was sie dabei erzeugt, sind allerdings immer nur neue Erinnerungen. Erinnerungen an Bomben, gefolgt von Bomben gegen Erinnerungen. Willkommen, doppelte Ironie.

Am Ende sagt sie zu ihm “Hiroshima. Das ist dein Name.” und er entgegnet “Ja. Und dein Name ist Nevers”. Der Film endet und man glaubt, ihr kurzes Zusammensein endet auch. Der Trick des Films ist nun, dem Zuschauer das Gefühl zu vermitteln, dass dies auch gut so ist. Alles war gesagt, ihre Liebe war des jeweils anderen Output.
“Input” ist ein Album, das diesen Trick nicht beherrscht. Stattdessen sieht man den verlassenen Sänger Florian Pühs akribisch daran arbeiten, aus dem Liebesloch, in dem er sitzt, an seinen Songs herauszuklettern. Ein bisschen Emo Gulag, ein bisschen Blumfeld Torte, dazu natürlich eher die HERPES statt die SURF NAZIS MUST DIE-Banderfahrungen. Einen Ja, Panik Vergleich darf man für durchaus deplaziert halten. Wem nützt er auch? Klar wird, es geht Pühs eigentlich fast nur um die textliche Ebene und damit schnell um eine gerissene Art der Abrechnung. Egal wie nett gelungen zum Beispiel die verdeutschte Neuinterpretation von “I Wanna Be your Dog” daher kommt. Textlich dominieren Verse, die die Gräten im Hals zählen: “Alles scheint in einer neuen Ordnung, doch ich find keine Ruhe, alles ist Chaos” oder “Abends dann in ein Nagelbett fallen, das stechende Zweifel gebährt” oder “Jeder andere ist nur noch Publikum in unserer Tragödie”, … solcherlei Zitate gibt es viele. Aber irgendwann reichts dann auch mal. Damit ist “Input” ein Album, das “Ich” auf “Wir” zu reimen versucht (vgl. “Hiroshima Mon Amour”), leztlich aber nur zum 30minütigen Wortspielfeuerwerk taugt, ein kleines Spree in Flammen – musikalisch umzingelt von zeitgemäßen Hauptstadt-Gitarrensounds und bisschen Rest. Und zugegeben, auch wenn ich ja gar nicht mal so abgeneigt bin von schlechten wie guten Wortspielen, so ist mir das hier doch zu nah an lackierter Pose.
So kann man sich folgende letzte Szene einer “Input” Verfilmung vorstellen: sie sagt zu ihm: “Florian Pühs. Das ist dein Name.”, er: “Ja, und dein Name ist Berlin.” Oder eben nur Ecke Schönhauser.

Wertung von 10:
4von10-klein