raphael sas gespenster cover 1

Um das vorweg zu schicken: ich möchte hier niemanden in die Tradition oder sogar Reihe von österreichischen Liedermachern stellen, nur weil 1) dieserjenige Sänger/Songwriter/Musiker/männlich/weiß/straßentauglich/Dialekt aus Wien kommt und 2) man in Deutschland gern nicht besser Bescheid weiß, als eben nur die gängigen Paar zu nennen, die da in Frage kommen, wenn man eben mit jungen, männlichen Wiener Sängern zu tun bekommt. Keine Vergleiche also mit Ludwig Hirsch, oder … ach, ich fang einfach nicht an damit. Wie könnte man auch den armen Philipp Poisel mit Konstantin Wecker oder Grönemeyer oder am Ende noch Xavier Naidoo ernsthaft in Verbindung bringen? Obwohl… Naja, und überhaupt: Poisel hat mit Sas so wenig zu tun, wie schon Wecker und Grönemeyer sich gegenseitig ausschließen.
Bleibt man also locker, so locker vielleicht wie die Songarrangements von Raphael Sas auf Solodebüt „Gespenster“, fällt etwas auf: Sas, das sind wenige. Gemeint ist: weil wir davon ausgehen, zig Identitäten und Versionen unserer Selbst mit uns rum zu tragen, je nach Okkasion beliebig einsetzbar, sollte man dem Ausdruck eines Solokünstlers doch wenigstens den kurzen Beweis dieser menschlichen Mannigfaltigkeit abverlangen dürfen. Das immerhin sind dann oft die Alben, die überleben.
Sas hingegen spielt auf „Gespenster“ nur circa vier „seiner Versionen“ aus: Verführer, Überforderter, Verliebter und Ex. Und das auf immerhin zehn Songs. Ja, er kokettiert merklich mit seiner durchaus charismatischen Präsenz, man kauft es ihm auch ab. Aber irgendwann erinnert er dann an die Typen in den Bars, die so ein bisschen arrogant am Tresen sitzen, ihre erprobten Geschichten erzählen, nebenbei Frauen abchecken und erst zuhause heimlich nachdenklich werden.
Lieder wie „Ayayayayaya“ oder „I don’t know you (but I love you)“ oder auch „Ende der Welt“ („Mr. Bojangles“ lässt grüßen) bestechen durch ihre großartig schwungvolle Sound-Komposition, ganz zu Schweigen von dem sehr atmosphärischen „Ich kann mich noch erinnern“. Dieses nämlich beweist auf knapp 4 Minuten, wie schillernd und gleichzeitig unpompös Sas’ Songs wirken können, wie gesund die Reduktion sein kann, und was auf dem Rest des Albums fehlt: mehr davon.

Wertung von 10:
5von10-klein