bulbureal cover 2

In dem Buch “Schriften. Erster Band” der Gruppe Ja, Panik steht über Wien geschrieben: “Weil jeder jeden kennt, weiß auch jeder, dass jeder ein Arschloch ist. Dieses Wissen bestimmt den Umgang miteinander und bildet die Basis der Zusammenarbeit. Man tauft sich die nützlichsten Arschlöcher Freunde und bastelt sich so ein miefiges Netzwerk, das auf einem widerlichen Nepotismus von Gegenspielern beruht.”
Darf man so was zitieren, wenn man mit einem Musiker/einer Band aus dem eng verwobenen Wiener Problembär Zirkel zu tun bekommt? Und darf Nino Mandl, neben Raphael Sas der markantere Kopf der Chimäre „Nino aus Wien“, im Booklet seine eigene Rezension zu „Bulbureal“ abdrucken? Sich mit einer 7,3 von 10 Punkten bewerten? Wenn man denn so will, darf man wohl …
Nino aus Wien machen auf ihrem inzwischen vierten Studioalbum ohnehin was sie wollen. Seit Debüt „The Ocelot Show“ und dessen fast schwiegersohnhaften Folk Tinkturen („Es geht immer ums vollenden“) ist musikalisch ein weit zerwühlterer Weg eingeschlagen worden, als man damals hätte annehmen können. Schon mit Drittwerk „Schwunder“ war zu erahnen, wohin sein Nachfolger hinaus muss: Emanzipation.
Denn dieses Album rennt uns und seinen Vorgängern vom ersten Track an davon. Nimmt geschmeidige Kehrtwenden, versteckt sich hinter Ecken, läuft über Rot und lacht uns aus, weil wir nicht mitkommen und japsend vor alten Erinnerungen rufen wollen: ich dachte, wir sind Freunde! Sie sind zwar auch auf „Bulbureal“, die großen Melodien, die folkrockigen Grundelemente, die Lust am Mitwippen, der Wiener Anstrich und die manchmal kolossalen Lyrics. Aber diese Selbstläufer hier haben uns etwas Beängstigendes voraus. Und ich kann nur mutmaßen, was das ist. Aber zur Zeit tippe ich auf die Erkenntnis, dass „Nino aus Wien“ auf „Bulbureal“ endlich das europäisches Niveau entblößt, das immer schon in ihm steckte und vom dem so viele andere keinen blassen Schimmer haben.
Aber rennt nur! Rennt weg von allem Wiener Mief und Arschloch-Kollegen, von falschen Vettern und neuen „Freunden“. Rennt nur, mit euren 7,3 Meilenstiefeln. Meinen Segen habt ihr. Denn ich werde sie gern erzählen, die Geschichte vom verlorenen Wiener Sohn.

Wertung von 10:
8von10-klein