vinylmania cover klein

Vinylmania ist ein Film, der halt mal gemacht werden musste. Und als zweiter offizieller Film der Records Store Day Geschichte überhaupt, nämlich dem von 2012, ist er ohnehin so etwas wie die Grundlage für das, was dann die nächsten Jahre wohl folgen soll. Immer schon tief stapeln also.
Im November besprach ich den Record Store Day Film von 2011, Sound It Out. Wo dieser sich einen kleinen Nordenglischen Plattenladen auspickte und dessen Klientel und Ethos ausleuchtete, widmet sich Vinylmania nun also dem Material selbst, dem Medium Vinyl.
Eines fällt sofort auf: schnell wenn nicht sofort gelangt man vom Sprechen über die pure Musik zu dem, was beim Thema Schallplatten immer irgendwann in den Vordergrund tritt: Privates. Die Umstände der ersten Platte, Familiengeschichten, die Bürden einer Sammelsucht, etc. pp. Diese Qualität der Gespräche wiederholt sich auf gespenstische Weise von Tokio bis New York und von London bis Prag immer gleich. (Afrikanische Länder werden von dieser Doku übrigens einfach vergessen)
Ja, Regisseur Paolo Campana reiste schon ein wenig durch die Welt, um sich und seinen Artgenossen (uns?) zu zeigen, dass Schallplatten mehr sind als nur Träger von paar Songs. Sie riechen, haben Kratzer, ihre Hüllen vergilben und ihr Wert steigt und fällt manchmal mit der eigenen Tageslaune. Fast wie bei Menschen. Nur werden die Platten besser behandelt: gepflegt, alle zusammen sortiert, an einem schattigen Plätzchen verstaut, angelächelt und man weiß immer wo jede/jeder ist. Ein Träumchen, wären Schallplatten nicht einfach nur seelenlose Kunststoffplatten mit fucking Rillen drauf.
Black hole sun, won’t you come, jaja, es geht ein bisschen um Religion, um Hysterie, psychische Defekte und infantile Anwandlungen, um eine Selbstbeweihräucherung erster Güte. Und es geht eben auch um Klischees. Wieder sind Plattensammler Musiknerd-Wierdos, Elfenbeinturm-Typen, mit irrem Spezialwissen, Haare raufende Anti-MP3-Hardliner oder “Old School DJs”, die über wehrlose Macbooks herziehen.
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Dabei gibt es doch auch Leute wie mich. Harmlose Brillenträger, die weniger als 100 Platten besitzen und diese auch nur als neuerliches Lifestyle Produkt akzeptiert haben. Also, liebe Vinylmaniacs, mir doch egal, was eure Sozialisation von euch wollte. Ich hab meine erste Platte mit 22 gekauft, und ich kann mich spontan nicht mal erinnern, welche es war. Und CDs find ich inzwischen auch doof, einen iPod besitze ich aber trotzdem nicht. Zu was macht mich das jetzt? Zum üblichen statistisch nicht richtig erfassbaren Durchschnitt wahrscheinlich. Aber reicht das schon zum Feindbild? Denn darum, geht in Vinylmania auch: das Unterscheiden von wir Kenner und ihr Heiden.
Aber ach, sammelt euch doch eure Regale und Wohnzimmer voll, geht doch durch jede modrige Flohmarktplattenkiste und auf jede vor Halsabschneidern wuchernde Plattenbörse. Und guckt euch doch diesen Film an. Läuft eh bestimmt bei jeder passenden Gelegenheit wieder auf arte. Denn putzig ist er ja.
Aber erzählt mir bitte nicht jedes Jahr aufs Neue, wenn die großen RS Day-Krokodilstränen kullern, dass digitale Musik kulturlos ist und euer Spielzeug gegen MP3s der ewig heiße Scheiß bleibt. Denn ehrlich, ich kann’s – langsam – nicht – mehr – hören.
Tja, und da haben wir’s halt wieder. Das Reden über Schallplatten ist das Reden übers Private.

Die Doppel DVD Edition von good!Movies enthält den Film auf Deutsch und im englischen Original. Die Bonus DVD wartet mit einigen Spielereien auf. Z.B. einer Google Maps Karte, die weltweit empfohlene Plattenläden markiert. Ein echter Leckerbissen dagegen sind die 15 Kurzinterviews mit Plattenladenbesitzern, Kuratoren, Musikern oder einfachen Käufern. Und psst, in diesen 15 Clips sind teils viel interessantere Aussagen und Individuen versammelt, als im Film selbst. Was soll man nun davon halten?

Wertung von 10:
7von10 klein