neigungsgruppe sex gewalt gute laune 1

Raus aus Berlin, zurück in die Region, zurück in die Gute Stube und ihren Dialekt, ins warme Bett und zurück zum Bauchnabel der modernen Ängste. „Neigungsgruppe. Sex, Gewalt und gute Laune“, das sind vier wunderbare Menschen, die diesen Weg endlich als einen darstellen, vor dem man sich nicht fernhalten will. Menschen, von der Sorte, die man vielleicht erst nicht ernst nimmt, bis sie den ersten Song spielen und kapiert wird: das hier, das ist ad-hoc erkennbare Schönheit, pur und genussvoll bis zum geht nicht mehr.
Oktoberfest und Ballermann das ist doch von der Wertigkeit heute fast das gleiche. Und auch wenn der Ballermann immerhin zusehends weniger Event wird und immer mehr Stigma, so sind die Parallelen doch deutlich: Schunkel-Guppenzwang, Bier-Gruppenzwang, Gute Laune-Gruppenzwang und Gruppen-Gruppenzwang. Ballermann und Oktoberfest – schimpft mich einen Misanthropen – , das ist für mich die Kulmination von vorstädtischem Stumpfsinn, gierigen Menschenhaufen und störrischer Selbstbehauptungsidylle, wie sie die Soziologie südlich des Mains in strahlenderer Form nicht finden wird.
neigungsgruppe sex gewalt gute laune 2
Kein Wunder doch, dass man da Ängste entwickelt vor der „Guten Stube“ und dem Dialekt, die beide doch ein bisschen auch Brutherde sein müssen für eine Sorte von Leuten, die anfällig sind für oben genannte Vergnügungen und denen man in der Regel nicht mal den Einkaufswagen anvertrauen würde.
Aber o lord, ich bin geläutert, ich habe gehört und ich bin befreit: das Album „Loss mas bleibm“, das lebt vom Wienerdialekt, Schunkelappellen und, tja, Coolness, und dieses Album ist wohl das größte Versöhnungsangebot, dass man dem Lifestyle der Indie-Community nur überreichen kann, dieser Community mit ihren sensiblen Sensoren für das was geht und was gar nicht geht. Ach, wie glückselig man wieder den Glauben gewinnt ans Blödeln, Fummeln und Schwätzen, und an die ganzen Gute Laune-Diktatoren, an die Heimeligkeit dieses Sounds und all seine Assoziationen.
Da wird Lou Reed, Nirvana und – hell yes – Lana Del Rey mit der Leichtigkeit eines Fingerschnipsen gecovert, dass man schon beinahe vergisst, wie nebensächlich diese Songs dann auch wieder sind und wie viel mehr zu entdecken ist. Wie diese Exotik einen belohnt und wieder belohnt, mit jedem Song. Und verdammt, es sind ein mal mehr Wiener, die mich überzeugen von Dingen, die ich dachte, abgehakt zu haben. Und am Ende liest man dann, dass auf drei der vierzehn Song mit Anja Plaschg (Soap&Skin) gearbeitet wurde und dann hört man sie im Hintergrund singen und denkt, diese Welt, die schafft es immer wieder, einen zu überraschen. Das ist doch alles der absolute Wahnsinn. Und ein einziger Genuss.

Wertung von 10:
8von10-klein