palpitation cover klein

Man erinnere sich mal kurz an 2005 und später. Damals war es einem Schluckauf der Geschichte zu verdanken, dass für die Dauer von zwei, drei Jahren schwedische Bands der Indie-Shit waren. The Horror The Horror, die Shout Out Louds, Jens Lekman, ja auch Mando Diao, Ane Brun und am Ende gehören vielleicht sogar Turbonegro zu dieser Kategorie, auch wenn die nicht mal Schweden waren! Ständig hörte man von der Sehnsucht nach “skandinavischen Zuständen”, von Wohlstand, sozialer Gerechtigkeit, Milch, Honig und Karottenhosen. Bereiste man Stockholm, sah man in den Szenevierteln fast nur das herum flanieren, was wir Old Europe-Idioten erst 5 Jahre später als Teil auch unserer Gesellschaft erfassten und es Hipster nannten. Ein Auslandssemester da oben wirkte auf einige wie ein Sechser im Indie-Lotto. Und all dieser Wust von Mythos und Hype passte für uns kleinen Mitteleuropäer in die kompakten aber arschteuren Abmessungen eines Fjällräven Rucksacks. Schwedisch sein, hieß modern sein. Ja, für kurz gehörten wir zu den feinen Leuten. Wir mit unseren tausend kleinen Schweinereien.
Nach all den Jahren wollen wir aber doch wieder mit unverdrehtem Kopf an Musik aus Schweden ran gehen. Hier also das Debüt von Schwedens Freundinnen-Duo Palpitation. Darauf: heiser aus einer Eishöhle geworfene Uptempo Schlingen, die einem schneller um den Hals fallen, als man so denkt. Dafür verantwortlich ist hauptsächlich der Gesang, der so haunting ist, dass man an die gute alte Gänsehaut erinnert wird. Es ist ein Gesang, der ein wenig untertreibt in seinen poppigen Qualitäten und damit auch sein Gewaltpotential zu verstecken scheint (mit mehr Blut zwischen den Zähnen ließe sich vielleicht ein WU LYF Vergleich wagen). Unter die ansonsten eher obere Mittelklasse-Gitarrenmelodien schmiegt sich ein üblicher Drumcomputer, garniert aber mit sympathisch kühler Klangeffekthascherei.
palpitation 3
Aber dann: auch trotz Freiflächen für sporadische Mitsing-, Mitklatsch- und Mitschmacht-Momente zieht sich diese Schlinge um den eigenen Hals irgendwie nie so ganz zu, nie so, dass man denkt, eine Gefahr sei hier real. Und welche Gefahr soll auch drohen? Vielleicht liegt meine innere Distanz zu der Musik in der Tatsache begründet, dass ich es hier eigentlich mit einem Album zu tun habe, das in Schweden schon 2010 veröffentlich wurde und in Deutschland jetzt eben so ein bisschen abgestanden und “offiziell” nachgereicht wird, das einen Zeitgeistcharakter urtypisch gar nicht leisten kann. Worauf hat man da eigentlich so lange gewartet? Etwa auf uns überfütterten Deutschen, die 2010 bei Schweden nur an IKEA Frühstücksomas dachten?
Erinnere ich mich aber an das musikalische 2010, dann weiß ich noch ganz gut, dass für mich damals zwischen der Epik von Sufjan Stevens, Owen Pallett, Janelle Monae und Arcade Fire eh nicht so richtig Platz gewesen wäre für die Zerbrechlichkeit von Songs wie “What If”, “You and I” und “In Five Years”. Tja, what if … you and I … in five years … ach, ich glaube, ich geb dem Album noch mal seine Zeit, denn grade will sich noch keine richtige Zuhör-Dringlichkeit einstellen. Vielleicht war die Deutschlandveröffentlichung also zu spät und zu früh gleichzeitig…entscheidet selbst (und verratet mir dabei mal bitte, bei welchen berühmten Modest Mouse Song Palpitations “Stand-By” seine Gitarrenhookline geborgt hat….ich KOMM NICHT DRAUF)

Palpitations gleichnamiges Debüt ist ab morgen erhältlich. Eine Tour ist im Frühjahr geplant.

Wertung von 10:
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