textor schwarz gold blau cover
Als Marika Rökk, Filmstar des nationalsozialistischen Revuefilms, in “Die Frau meiner Träume” (1944, Regie: Georg Jacoby) vor einer Hafendekoration singt “In der Nacht ist der Mensch nicht gern allein”, da verkörpert sie ein Frauenbild, das von der damaligen Staatsideologie ein wenig vernachlässigt wird: sie füllt die Lücke zwischen Jungfrau und Mutter. Und das mit solch Temperament und Gewagtheit, dass ihren Auftritt schnell ein Hauch von weiblicher Emanzipation umweht.
Dieser für einen Star damals gewagte Hang hatte seinen Preis. Rökks Filme mussten anderweitig beweisen, dass sie sich der “großen Sache” verschrieben haben. So engagierte man Filmkomponisten Franz Grothe. Er immerhin, seit ’33 NSDAP-Mitglied, tat sich schon mit Liedern wie “Wir werden das Ding schon schaukeln” (1941) oder “Wenn unser Berlin auch verdunkelt ist” (1942) hervor. Nach dem Krieg war Grothe dann nicht nur Vorsitzender des GEMA Aufsichtsrats. Seit 1965 übernahm er auch die musikalische Leitung der Erfolgssendung “Der blaue Bock” und war gut befreundet mit unserem lieben Heinz Schenk. So viel dazu.
Wer nun aber hätte damals schon gedacht, dass Grothes Lied ein solches Eigenleben entwickelt, sich all die Jahre mal geduckt mal gesprächig durch sämtliche musikalischen Moden schlängelt, zu einem Slogan wird, einem Slogan, der noch nicht mal heute kurz davor steht, als bürgerliche Binsenweisheit abgetan zu werden, sondern der immer und immer wieder beschwört, was ja jeder von uns weiß, nämlich: In der Nacht ist der Mensch nicht gern allein. So einfach ist das eben. Scheiß doch auf die Paraphrase.
textor schwarz gold blau cover klein 6
Als Ende 2012 Rapper Textor (Ex-Kinderzimmer Productions) sein Album “Schwarz Gold Blau” veröffentlicht, da kannte ich ihn nur ein bisschen “von früher”, was soll da jetzt kommen? CD also rein, Play gedrückt. Was mir nun mit meiner zugegeben größeren Distanz zu seinem künstlerischen Werk schnell auffiel, war, dass das gar nicht weiter problematisch ist. Und dass das hier eine Musik ist, die so lasziv, hinter dürren Tüllschleiern versteckt, so menschlich und so auf den Punkt gebracht ist, unbeeidruckt vom Allerweltsradau, dass sie auch dann aufrecht steht, wenn man nichts weiß über alte Kinderzimmer und Rapstyles. Eine Musik, die einen zitternden Hauch von patrizischem Größenwahn ausstrahlt, ohne den das ganze Album aber meine Schwelle überhaupt nicht überschritten hätte. Ein Zitategewitter, ja, aber auch eine Streuobstwiese, die daraus erwächst.
Auf Albumtrack Nummer Drei, “In der Nacht”, dort spätestens machte es bei mir Klick. Und in diesem Lied kommt sie, Grothes große Zeile von der Nacht und den Nächsten. Gefühlte tausend Jahre alt, aber aus einer Zeit, in der man lernte, wie kurz tausend Jahre dauern können. Wie sie nagen die Erkenntnisse und der falsche Ruhm. Wie zeitlos der Verlust ist und wo man noch hin kann nach der Folter. Wir lernen heute, wie manche Elegie für immer schwingt und am Schleckermarkt Schaufenster sich spiegelt. Auch davon singt uns Textor.
“Schwarz Gold Blau” ist eine Platte für einen erfüllten Liederabend, für ein Konzert mit allen alten Klaviertasten und Basstönen. 43 Minuten hauptsächlich für die Stirnfalten der Einsamen und Ehrlichen, die schüchterne Stummfilme zu genießen versuchen und zu ihr rüber schauen, zur leeren Flasche Wein: in der Nacht ist der Mensch nicht gern allein.

Wertung von 10:
8von10-klein



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