lordhuron cover klein 1
Oh Mann, ich muss mal wirklich und gewissenhaft all diese Mumford & Sons, Fleet Foxes, Avett Brothers und Bon Iver Platten durchhören. Denn so langsam kommt es mir vor, als ginge es gar nicht mehr, glaubwürdig über die aktuellen Schnittmengen zwischen Radio und Folk zu schreiben und von den genannten Platten nicht wenigstens je zwei Songs aufsagen zu können. Aber seit wann ist das überhaupt so? Fing dieser ganze Trend so richtig an mit Bon Iver, 2008, diese Wahrnehmung des “Neuen Mannes” im Folk, oder geheimer noch, aber auch 2008: mit City & Colour, wo der Neue Mann dann zum Beispiel auch Tattoos und Schwiegersohnfrisur zu verschmelzen vermochte und nicht mal im Ansatz aussah wie ein moderner Huckelberry Finn? Und wie steht es eigentlich um die unaufgearbeitete Bedeutung der Bürgerkriegsschmonzette “Unterwegs nach Cold Mountain” (2003) in diesem ganzen Komplex? Ich mein, da spielte immerhin Jack White mit und der Soundtrack von ihm ist fantastisch … war White vielleicht der Prototyp dieses heute so beliebten Neo-Folk Clubs? Er holte ja auch Loretta Lyn 2004 aus der Country-Versenkung und war sich seiner amerikanischen Musikwurzeln ohnehin stets so bewusst, wie ein Veteran seiner gefallenen Kameraden. Ist Jack White vielleicht einfach der fucking Messias des Club of ’08? Naja, egal.
Ich glaube jedenfalls, das abgestaubte, ent-wierdete Folkgenre fand seinen Aderlass im Softie, der mit einem Seufzen bekennt, manchmal auch hart sein zu müssen … in diesem harten Leben. Typen mit Traditionsbewusstsein und Zukunftsangst.
Heute haben wir es daher immer wieder mit Musik zu tun, die mal mehr mal weniger (selten gar nicht) in Verdacht gerät, Trittbrettfahrer eines Folk-Massenphänomens zu sein, Copy- bzw. Softiecats, die ihren mittelmäßigen Aufstieg gerne mal zusammengenieteten Referenzklängen zu verdanken haben. Weil die Zeit günstig war, nicht weil die Musik heraus ragte. Das Problem ist also: was von all dem toupierten Glamour darf nun in den Papierkorb?
lordhuron cover klein 2
LA’s Lord Huron – ich sags vorweg – liegt als Nachkömmling dieser Class of ’08 irgendwo leicht überm Durchschnitt. Und diese Band ist keine musikalische Offenbarung. Überdurchschnittlich zumindest so weit, als dass sie dann doch auf so einigen Radaren auftauchte und zum Beispiel einen passablen Auftritt in Jay Lenos Tonight Show hinlegte. Toll.
Was Lord Huron mit Kopf Ben Schneider auf “Lonesome Dreams” nun aber unterscheidet von den ganzen anderen Genre-Klonkriegern, ist ihr Überlappen von einpaar musikalischen Stimmungen, die in exotischere Gegenden locken, als nur die Americana-Grundpatina vermag. Mal sanft asiatisch (wahrscheinlich mein ich aber Klischee-asiatisch), mal sanft karibisch (Steel Drum-Klischee), mal sanft UK-80er-esk (irgendein anderes verwaschenes Klischee), und: mal alles zusammen wie in “The Man Who Lives Forever“, dem für mich übrigens wichtigsten Song des Albums. Der wichtigste, weil er mich an einen anderen erinnert, an Billy Joels Welthit “The River Of Dreams” (1993) und daran, dass dieser Joel-Song nach all den Jahren wie latent post-kolonialistischer, vor allem aber spirituell-biederer Pop-Schrott klingt. Ich will nicht sagen, dass da nun irgendeine tatsächliche Verknüpfung zwischen Joel und Schneider besteht. Eines verrät meine Assoziation dann aber vielleicht doch: Joel und Ben Schneider sind beide gleichsam brav, klingen wohlbehütet, Typen wie Hochwasserhosen, gestopft mit Love & Spirit. Ersterer jedoch hat es geschafft, mit dieser Attitüde Meilensteine zu setzen. Bei Lord Huron verpufft dieser Moment.
Das Interessante ist nur, dass Lord Huron trotz ihrer braven Mittelmäßigkeit zu anspruchsvoll klingen fürs große Radio und gleichzeitig anspruchslos genug sind, um eine nicht unrelevante Menge Fans “im Vorbeigehen” zu generieren. Diese hören aber bestimmt auch die Fleet Foxes und Mumford & Sons und die Avett Brothers und was weiß ich noch alles und haben mir so gesehen dann ja eh etwas voraus. Noch.

Wertung von 10:
6von10-klein

Tourdaten:
13.02 Hamburg, Prinzenbar
18.02 Köln, Studio 672
19.02 Berlin, Roter Salon
und am 23. und 24.02 spielen sie zwei ausverkaufte Konzerte in Brooklyn.. :P