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Was macht eigentlich David Gray? “White Ladder”? 1998? Anyone? Oder ist Gray inzwischen vielleicht nur eine von diesen kleinen Randnotizen der Popgeschichte, die sporadisch in Texten wie diesem hier hervorgeholt werden? Um ihn als Abgehängten mit leichtem Spott zu bedecken? Gray, soviel ist jedenfalls hängen geblieben, steht für mittelständige Pärchen-Qualitytime oder einfach für die mittelmäßig sophisticated Adult-Mühle, die so lange weiter Töne generiert (9. Studio Album Gray’s kam 2010), bis sich auch der letzte Mittelklasselangweiler abwendet vor so viel Egalheit.
An Gray’s letztlich aber unumstößliches Stimmtalent erinnerte mich nun der Opener von “Country Sleep”, das 70 Sekündige Gesangssolo “Faithful Heights” von Night Beds-Frontmann und Album-Coverboy Winston Yellen. Ein Albumintro, das ein wenig an die Logik von Castingshows erinnert: man kennt den anderen zwar überhaupt nicht, aber der soll gefälligst vorsingen, dann entscheiden wir ob Albumtrack zwei in den Recall darf. Und dann – hoho – ganz dramatisch: der Sänger beginnt, die Kamera schneidet kurz danach und leicht erschrocken zu uns Jury, wir schauen auf, ziehen die Augenbrauen hoch, die Mundwinkel runter, gucken die anderen an, tuen erstaunt und lächeln vorsichtig: ja er darf eine Runde weiter, er hat unser niedlich-steinzeitliches Ritual unbeschadet überstanden. Vorerst.
Umso amüsanter, wenn dann also Track zwei mit “Ramona” einen beschwingten, nicht mehr ganz so seuselnden Song abliefert. Ein Song wie ein Spaziergang an einem sonnigen Freitagnachmittag entlang der Mainstreet, und ein Song, der nicht nur schon das andere Ende des musikalischen Gehwegs Yellens aufzeigt (nämlich von Troubadour-Sentimentalitäten hin zu geschmeidigen Folk-Kraftdrinks), sondern sich auch liest wie eine herrische Gebietsmarkierung, so eine klassisch-charismatische Arroganz.
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“Neues” muss ja nicht immer Grenzgänger-neu sein. Manchmal ist das Bewährte neu genug. “Country Sleep” ist so ein Fall. Hier haben wir Harmonien, Melodien, Stimme und Bass, Strumming und Drumming, Tanzen und nicht Tanzen. Und irgendwie geht man aus dem Album raus und hat so ein zufriedenes Gefühl bei sich, kein überglückliches. Und manchmal ist zufrieden gut genug. Viel mehr kann ich schon fast nicht mehr sagen, wenn ich hier nicht auch noch Yellens Lebensgeschichte und Promotext aufrollen soll. Da hatten wir also den Gray-Stimmvergleich, und das mit dem Bewährt-Neu-sein und dann, dass hier nichts wirklich fehlt. Und … joa, das reicht doch.
Was mir negativ aufstößt, ist, dass mir hier einbisschen suggeriert wird, es handele sich bei “Night Beds” um eine Band. Night Beds aber verdient diesen Charakter nicht, wenn ihr Album wie oben beschrieben beginnt, also vulgär das personelle Zentrum klar macht und der Bandklang zuweilen an diesem Eindruck leidet (wie zum Beispiel bei dem ultraorthodoxen “Borrowed Times”) … ach, und da fällt mir spontan das Jochen Distelmeyer Album “Heavy” (2009) ein, das ja auch mit so einem Stimmsolo beginnt, wo das Angeberzentrum eben aber auch ehrlich und klar auf dem Tisch liegt … Außerdem klingt “Country Sleep” an der einen oder anderen Stelle plump überambitioniert, zu sehr nach einem Spielchen mit den Knöpfen. Zum Beispiel die allzu kalkuliert klingenden Streicher aus “Even If We Try”, die im Studio vielleicht eingesetzt wurden, weil irgendwer sagte: “Weißte was, wir machen das jetzt mal einbisschen weicher, mit mehr Gefühl.”
Ja, es mangelt an einer hundertprozentigen Bodenhaftung, ein Hauch Synthetik bleibt und das Gefühl, dass es sich hier ein bisschen um den Typus “Castingshow-Liebling” handelt. Trotzdem glaube ich, dass Yellen niemals wirklich in Erwägung ziehen muss, auch vor so einer TV-Jury zu singen. Seine Jury bin heute ich, und ich sage: “Junge, wenn du singst, bleibt ein gewisser Verve im Raum stehen, der mir schmeichelt und durch den vertrage ich auch deine Sorte Pathos.” Andere Jurymitglieder werden hier trotzdem vor allem faden Herzschmerz und austauschbare Pärchenmusik hören. Von mir gibts für Yellen und seine “Band” heute aber den hochbegehrten Recall-Zettel, den mein Praktikant eben hinter der Bühne ausgedruckt hat, aber auch ganz zum Schluss noch den Spruch: “Vergiss nicht, Junge, du darfst nie nur für die Jury singen. Sonst endest du wie David Gray oder früher.”

Wertung, von 10:
7von10 klein


Das Album “Country Sleep” erscheint am 8.02. bei Dead Oceans.
Stream des gesamten Albums auf Pitchfork http://pitchfork.com/advance/16-country-sleep/