Navel Loverboy Cover 2
Ich kann hier ja sehen, mit welchen Google-Suchbegriffen die Leute auf asiwyfab.de verwiesen werden. Und neulich stand da “dreizeiler persönlicher glückwunsch zum geburtstag”. Die Frage ist nun nicht, warum das jetzt zu unserem lieben Blog verlinkte und wenn doch, dann schon eher nur, wie verzweifelt der User da suchte, bis er auf Ergebnisseite 15 uns fand. Nein, eher geht es darum, wie ernüchtert bis enttäuscht man sein darf von der Sorte Leute, die solche Suchbegriffe eingeben, statt auch nur 5 Minuten da zu sitzen, um ihr halbes Hirn anzustrengen für einen Anlass, der dann ja aber ohnehin so halb-, nein kaltherzig abgehakt sein will, dass es sich doch schon lohnt, gleich ganz fernzubleiben von dem Geburtstag mit diesem ganzen halben Hirn … auch von asiwyfab übrigens.
Navel würden sowas nie bei Google eingeben, nicht mal “beste ausrede für absage”. Die suchen eher Sachen wie “roadmap arizona”, “rauchen aufhören” oder “paul mccartney nirvana”. Und finden? Vielleicht vielleicht ihr eigenes inzwischen drittes Album, “Loverboy” … und das immerhin irgendwo auf Ergebnisseite drei oder vier. Vielleicht befindet sich in der Ergebnisliste sogar noch Vorgänger “Neo Noir”, eine Platte, die ich 2011 ziemlich gern hatte, die im Vergleich zur Neuen rückwirkend aber an Charakter gewinnt: blutiger wars 2011, ungesünder klangs und unkontrollierter.
Trotzdem, “Loverboy”, das ist ein 70er-Update, catchy Gitarrenläufe, verwegene Sounds, Barmusik, weniger Blues und mehr Vergebung, und all das zusammen viel zu lässig, um wahr zu sein. Ein Soundtrack für das nächste Western – Road – Revenge Flick vielleicht, Grindhouse-Character. Und gehts nun irgendwie noch amerikanischer?!
Die Baseler Band Navel, so viel steht fest, waren immer schon ein bisschen zu groß für nur Schweiz/Österreich/Deutschland. Diese Länder mit ihrem zwickenden American-Culture-alles-erstmal-super-Geschwür aber verkümmerten Liebe zu Bürgerkriegen und ihrer nie verarbeiteten Hobo-Kultur. Jari Antti, einziges seit Gründung 2003 ständiges Mitglied von Navel, könnte das bewusst sein. Den meisten anderen nicht. Dass so wenige von uns hier also erkennen (nicht “hören”), wie weit sich die Schweizer eigentlich über den Atlantik lehnen, und wie sehr sich Navel bemühen, dabei nicht wie suburban WASPs zu klingen, sondern wie New York State Junkies an der Grenze zu Mexico, liegt dann also vielleicht in der kulturellen Natur “unserer Sache”. Wenige von uns kennen die Essenz, aus der diese Songs gemacht sein wollen. Egal wieviele D-Day Dokus wir auch sehen, wieviel wir über die Innenpolitik der Staaten wissen, egal wie viele US-Bestseller wir lesen, und wie oft man uns erzählt, Deutschland hätte seinen analen Charakter zu Gunsten von Verschwendung und Popcorn aufgegeben: hat irgendjemand schon mal den Perso der USA zu Gesicht bekommen? Liegt ein Phantom in unserem Bett? Keine Antwort, Zahlen: “Django Unchained” läuft in Deutschland zur Zeit in 709 Kinos, “Lincoln” in 194.
Navel Loverboy Cover 1
Zurück zur Musik. Denn gefallen kann uns dieses Album trotzdem. Und es gefällt mir ja auch. “Barrels Of Love” ist auch nach dem zehnten Hören noch frisch, wie auch die rasante Rock’n’Roll Nummer “Love Her (Before She’s Gone)”. Aber “Loverboy” wirft eben eine entscheidende Frage auf: wieso kommen Navel nicht aus der US-Klischee Falle heraus? Warum höre ich 50 Minuten lang nur Post-British Invasion Sounds? Es ist das eine, eine gute Platte aufzunehmen, die nach Psych-Desert Rock klingt, und das andere eine gute Psych-Desert Rock Platte aufzunehmen. Navel schaffen “nur” letzteres.
Vielleicht ist es ein fehlender Übersetzungmoment, vielleicht ist der Grad zwischen Klischee und Realität zu unendlich dünn, um auf seinem Rücken Platten zu produzieren, und vielleicht bin es ich persönlich mit meiner korrupten Sicht auf die amerikansiche Popkultur, die das hier so schwierig machen. Sehr wahrscheinlich aber ists einfach nur der sozio-kriminelle Wohlstandstyp, der in uns allen schlummert, und der denkt: da draußen tobt der Shitstorm, und deswegen bleib ich schön hier sitzen, in meinem süßen Wohlstandsschlammloch, plantschend, wie irre lachend, weil es so doll spritzt, sollen sie doch Mautgebühren verlangen für unseren Tunnelblick, tun sie ja schon, sollen sie doch den Glitzer weglassen in unserer Nord Korea Deluxe Kulturlandschaft, das Neon überstrahlts eh, sollen sie Alben schicken und Tshirts verbrennen, Glückwunschkarten in Massen produzieren, mit Unterschrift und allem, die Charts abschaffen und iPhones verschenken, sollen sie doch, wo wir ja sonst fast nichts mehr kapieren außer die paar Pfeile, die uns immer wieder im Kreis lenken, und uns abhalten von der Erkenntnis, dass wir bis oben voll mit Scheiße und noch mehr Scheiße sind, meisterliche Idioten … Aber war das nicht schon in Jim Jarmusch’s Roadmovie “The Limits Of Control” eine hohle Provokation? Ich glaube schon. Und wieder landet man in einem in sich verwobenen Netz aus Widersprüchen, doppelten Böden und Rezensionsparodien. Es kann hier heute keinen anderen Ausweg geben. Was wir hören, ist amerikanische Musik von Schweizern für Europäer in einer pseudointernationalen Gedankenwelt.
Ich bekenne, ich bin nicht im Stande, dieses Album hinreichend zu besprechen, ohne mich in Sackgassen und Aspirin zu verrennen, und ohne dass sich Abgründe auftuen, von denen ich gar keine Ahnung haben will. Aber “Loverboy” ist ein gutes Album geworden. Und allein wegen dieses Satzes ist mein Text dann doch keine Kapitulation.

Wertung von 10:
7von10 klein

Loverboy erscheint am 8.02. bei Noisolution. Die LP + MP3 Download Code gibts für günstige 13,90 € bei Flight 13.

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Tourdaten:
09.02.13 – CH-St.Gallen, Palace
11.02.13 – DE-Leipzig, Musikhaus Kietz (18:00h) acoustic
11.02.13 – DE-Leipzig, Noch Besser Leben (22:00h)
12.02.13 – DE-Halle, Hühnermanhattan
13.02.13 – DE-Berlin, Crystal
14.02.13 – DE-Hamburg, Hafenklang
15.02.13 – DE-Dresden, Scheune
16.02.13 – AT-Wien, Fluc
20.02.13 – DE-Stuttgart, Schocken
21.02.13 – DE-Köln, Sonic Ballroom
20.03.13 – DE-Bonn, Harmonie (WDR Rockpalast)
21.03.13 – DE-Frankfurt, Elfer
22.03.13 – DE-Waldmichelbach, Noispollution Festival
23.03.13 – CH-Schötz, Treff Schötz