Warum steht eigentlich Ja, Panik wie selbstverständlich im Media Markt Regal und Der Nino aus Wien nicht? Warum taugt Nino Mandl sogar zum Teeniehelden und Andreas Spechtl nicht mal zum Posterboy? Warum gab es in meiner Grundschul-Lesefibel einen Nino aber keinen Raphael? Weshalb gehe ich innerhalb von fünf Tagen zu drei Konzerten der gleichen verdammten Band? Und was lernt man bei diesen Besuchen und was bleibt auch hinterher gleich?

Aber immer diese Fragen, immer dieses Diskutieren würde der Wiener Folker Nino hier vielleicht meinen, so singt er es immerhin in einem seiner Lieder und folgert “als hätt mich das jeeh interessiert“. Warum also nicht einfach ein lakonisch vernuscheltes “Naja…” zur Antwort meiner Fragen machen. So wie Nino sein “…naja” ans Ende von Songansagen heftet, als Gag fast, aber auch, weil es eben so gut passt zu vielem, was er sagt. Naja dies, naja das, … “Naja” ist ein kindliches Wort, es sagt nicht Ja und nicht Nein, es lässt alles offen und werden. Es akzeptiert, dass doch alles gleich gut und schlecht ist, und dass Entscheidungen immernoch auch später gefällt werden können. “Naja”, dieser Ausspruch ist ein Sinnbild meiner Toureindrücke. Im positiven Sinne.

nino aus wien frankfurtAlles beginnt in Frankfurt im SIKS Café der Stadtteilinitiative im Gallus Viertel. Dieses wartetauf mit freiem Eintritt und kostenlosem Kuchen, mit einem Spendenhut der rum gehen soll, der aber zu Nichts verpflichtet, und es beginnt mit einer Band nach einer langen Nacht in Straßburg, Nino mit deutlichen Augenringen, müde, frisurlos, mit Wulle Bier im Kampf gegen die französischen Weine. 60 Leute sehen sich dieses Bild an, eng ists, aber man darf rauchen und dabei sein, wie sich Raphael Sas, pauT, David und vor allem Nino aus einem Tief kämpfen. Es wäre zynisch, hier Frankfurter Problemviertel Witze zu machen. Ja, man ist nachsichtig mit der Band. Denn wir sind ein gutes Publikum, ein sympathisches, immerhin verzichten alle hier Anwesenden auf die Tatort-Ausstrahlung dieses Sonntags und das macht uns eh zu etwas Besonderem. Wer hier sitzt, weiß, was er oder sie tut. Und kein Witz: der Tatort heute spielt in Luzern. Beinahe nur hätte ich also sowas schreiben können wie “Nino aus Wien schlägt Tatort aus Berlin”. Schade.

Denn was ist schon ein fucking Tatort, über den dann halt alle maximal zwei Tage oberflächliche Einschätzungen ablassen, gegen eine inzwischen selten gewordene Akkustiksession Ninos und ein spontanes Best Of seiner Alben. “Es geht immer ums Vollenden“, “Plurabelle”, “Ohrid”, “Connected“, “Du Oasch“. Die Dialektnummern sind obligatorisch, die Deutschen lieben sie, weil sie sich wohl einbilden, die Texte auch noch unter erschwerten Bedingungen zu verstehen … naja. Es sind jedenfalls diese Songs, die klar machen, dass diese Band eben nicht inzwischen nach Berlin gezogen ist. Der Bandname allein ist ja ein Gegenentwurf zum Zentralismus Berlins. Ein “Nino aus Berlin” jedenfalls verlöre nicht nur seine ursprüngliche Würde, sondern dürfte auch reizlos untergehen im Getümmel des Angebots. Der Nino aus Wien in Frankfurt dagegen ist ein Aufsteiger. Mit nur seinen paar Songs unterm Arm, seine Texte halb vergessend, ungewaschen, um Verständnis ringend, nie mitleidserregend. Und wir Leute hier, wir sind ihm sogar dankbar dafür. Warum denn auch an einem Sonntag Abend den Burn Out provozieren?

Am Tag darauf wieder Frankfurt, Orange Peel, Kaiserstraße 39. Gestern wars Spaß, heute vielleicht Ernst. Draußen um die Ecke stehen Junkies, im Hindergrund bedrohlich näher als gestern diese Bankentürme. Wenn grade keine Polizeisirene nölt, könnte man hier vielleicht die Urlaubsflieger hören. It’s a Thug Life around here, und man kann fast vergessen: es ist Rosenmontag in Deutschland. Wir befinden uns aber scharf an der deutschen Konfettigrenze. Die Vorstellung, die Band würde heute in Mainz auftreten, bleibt zum Glück eine Utopie. Einige Leute von gestern sind auch wieder da. Anders als gestern herrscht heute aber deutscher Sicherheitsabstand zur Bühne, eine Person tanzt während des Konzerts mit sich selbst, Platz ist genug, Anlass eigentlich auch, zu “Johnny Ramone” zum Beispiel, oder “Urwerk” geht das, die meisten nicken nur im Takt. Hätte die Band meinen heimlichen Liebling “Venedig geht unter” gespielt, hätte ich aber bestimmt auch getanzt. So viel zu meiner Ausrede. (denn eigentlich kann man zu “Venedig geht unter” gar nicht richtig tanzen, aber ich wollte halt irgendwo einbauen, dass ich den Song vermisst hab)

Nun, und es ist schön, die Jungs heut abend wieder zu sehen, ein Gefühl der Verbundenheit stellt sich schneller ein, als ich so dachte. Gitarrist und Klavierspieler Sas erweist sich während des Konzerts als konzentrierter Könner seines Handwerks, Bassist pauT als Multiinstrumentalist mit Hang zur Gelassenheit, David als nervöser Perfektionist, dessen großer Beitrag zum Bandsound mir bis dahin verborgen war, und Nino … nun Nino ist eben ein Fall für sich, ein Fall, an dem man sich abarbeiten könnte, wäre er nicht so ein still-phlegmatisches Kraftwerk und ein Schwimmer mit den Gezeiten des Abends, merkwürdig unantastbar. Wie lang es von hier bis zum Meer sei, will er wissen. Keiner sagt “urweit entfernt”, wie es in einem seiner Songs heißt, vielleicht reagiert nur die Wiener Fanbase auf solche Steilvorlagen. Und ob es Pinienwälder gibt in der Nähe von Frankfurt, ja, nein, vielleicht. Vielleicht waren es nur Kiefern, die er aus dem Tourbus sah, keiner weiß so richtig Bescheid. Und man darf hier im Oragen Peel nicht Rauchen, auch wenn Nino gern würde, seine John Player Specials oder Camels hervorkramen während des einen oder anderen Liedes, naja, naja. Passt schon, alles offen, “So, wir spieln noch ain paar Lieder”. Schweigen wäre konkreter.

Das Konzert läuft gut. Irgendetwas passt Drummer David von Anfang an nicht, ich vermute ja, es war die schwierige Bühnenkommunikation mit Nino. Man sieht ihm an, dass seine Fassung von Song zu Song lockerer wird, dass seine Geduld mit sich selbst ein Ende findet und er irgendwann eben sein Schlagzeug umschmeißen muss, die Sticks in die Ecke feuert, wutentbrannt, wie einer dieser Filmcharaktere, die die Kontrolle verlieren und es später bitter bereuen. Diese Momente hat er wohl häufiger, und sie stehen der Band sogar gut, weil sie nicht als Rockerpose daher kommen, sondern als offene Momente, freundschaftlich nachvollziehbar. Er sammelt dann die Sticks brav wieder ein, stellt das Schlagzeug neu hin und lächelt wieder, tjaja, die Leute sind eben verschieden …

pauT nino aus wien frankfurt In Berlin, zwei Tage später, bleibt David ruhig. Aber in Berlin, im Angesicht des Fernsehturms, im ehemaligen HBC, heute hausungarn, da ist die Gangart dann doch eh eine andere. Viele Leute werden kommen, überraschend viele. Parallel spielen heute Dinosaur Jr, Tusq, Fraktus, TV Noir und Tim Bedzko in der Stadt, um nur die größten zu nennen. Und auch wenn niemand davon in direkter Konkurrenz zu Nino steht, wirkt diese Veranstaltung hier wie ein Geheimtipp. Das hier “Underground” zu nennen, wäre natürlich trotzdem unangemessen.

Das Hausungarn gefällt mir. Eine Art Portier führt mich in die zur Verfügung stehenden Optionen des Abends ein: Treppen hoch, Toiletten schräg hinten, Bar links, Konzertsaal rechts, da drin nicht rauchen, erstmal nur im Glaskasten rauchen, der ist vorne links hinter dem Vorhang, und man könne Tischtennis spielen, wenn man will, die Platte liegt zentral im Raum. Ich vergesse sofort alles, was mir der Mann sagt und entgegne nur “Ich bin nicht zum Tischtennis gekommen. Danke.”, gehe hoch, und bin der erste Besucher vor Ort. Also trinke ich fast vier kleine Bier in einer Stunde, belausche Gespräche von Leuten, die sich wegen der Berlinale plötzlich für das samoanischen Independent Kino begeistern (“super schön gemacht der Film.”), gucke zu, wie junge Typen tatsächlich Tischtennis spielen, offenbar, weil sie sich sonst nichts zu erzählen haben, und mir deswegen ihre Bälle um die Ohren schmettern, ignoriere den auch anwesenden Andreas Spechtl (was nun keine große Überraschung ist), schaue der hauptstädtischen Bussibussi-Kultur zu, wie sie sich gebart in ihrer Abendgarderobe, und ich schweife allmählich ab mit den Gedanken.

Ich denke über die vergangenen Tage nach, über den Zufall, dass Nino aus Wien heute in Berlin spielen, wo ich doch hier grade auch zu Besuch bin, und ich versuche mir wieder einen Reim zu machen auf diesen Musiker. Noch vor dem Konzert stelle ich mir also ziellose Fragen darüber, was diese Band antreibt, was sie zusammen hält und ausmacht. Natürlich findet man auf solche dummen Fragen keine Antworten, dafür aber ein Naja am Ende. Ist schon okay, erstmal noch ein Bier.

Das Konzert beginnt und ich zähle die live-Eigenheiten, die erst auffallen, wenn man die Band eben nun zum dritten mal spielen sieht: Nino zum Beispiel macht in “Schlusslied” immer die gleiche Gagreferenz zum Lied “Du Oasch”, je nach dem, ob der Song am Abend schon gespielt wurde. Oder weisst er immer darauf hin, dass jetzt ein Dialektlied folgt, so als müsse man diese Deutschen immer noch mal vorwarnen. Gewisse Lacher sind ihm jedes Mal sicher. Es gibt also eigentlich kein richtiges Durcheinander der Gigs, es gibt diese wiederkehrenden Elemente, aber es fühlt sich an, als sei auf die kein Verlass. Und vielleicht ist das ein Anhaltspunkt für meine Fragen. Die Band ist nicht entweder oben oder unten, sondern immer dazwischen. Fast glaube ich, Nino sei ist wie jemand, den man halt auf Tour geschickt hat, er daher ganz sorglos und einbisschen abhängig so rumtapst. Ein junger Mann wie ein Irrlicht, das sich an seinen Freunden aus der Band orientieren will, denen er so viel schuldet und doch auf sich allein gestellt bleibt. Ich sehe vier junge Musiker bei ihrem langen Übergangsritus zu einer Band aus Erwachsenen, und ich sehe einen davon, wie er sich weigert mitzukommen. Sehe, wie er den Augenkontakt meidet und die Dinge eben passieren lässt, wie ein Kind vor der Welt, die es noch nicht begreifen muss. Denn wenn die ja schon so kompliziert ist, dann lieber erstmal ‘ne Camel rauchen. Die Leute werdens schon irgendwie verstehen, die richtigen Fragen stellen ohnehin die Wenigsten.

Das Konzert verläuft dann besser als im Orange Peel, wieder spielt man nur das Beste aus vier Alben, immerhin will man auch hier im Publikum neue Fans gewinnen. Ein paar gibt es aber schon und ich höre sie kleinere Textpassagen mitsingen, kichern, sehe, wie sie glücklich gucken.

Und zum Schluss dann spielt die Band ein Cover von Falcos “Nachtflug”, dessen gleichnamiges Album 1992 Platz 1 der österreichischen Charts belegte. “Wir haben das noch nie zusammen gespielt, aber ich Österreich kann es eigentlich jeder.” Darin die Zeile: “Er bucht den Nachtflug einmal täglich/Zur Sicherheit den Heimweg auch.” Das sind die letzten Worte, die ich von Nino höre. Und als ich langsam meine Sachen packe, sehe ich noch, wie er und die anderen rauchend Autogramme geben, ein bisschen lächeln dabei, für Fotos posieren und so tun, als wäre alles ganz normal. Aber wenn dann Nino in seiner ihm so eigenen Gangart Backstage verschwindet, will man doch noch wissen, als was er da wohl wieder raus kommt, ob als Mann oder als Nino. Ich werde nicht warten, muss los, aber weiß: eigentlich will er doch einfach nur spielen.