Cover Hai-Alarm am müggelsee klein

Mich langweilt das Haifilm-Genre. Und vor deutschen Kinokomödien habe ich Angst. So sehr, dass ich Abstand genommen habe, diese überhaupt noch im Kino zu sehen (letzte Ausnahme: Fraktus). Aber diese typisch verkrampften Flops wie “Maria, ihm schmeckts nicht” (2009), “Jerry Cotton” (2011) oder “Omamamia” (2012) sind für mich Stellverteter für eben jene leeren Kinokalorien, für die man sich schämen könnte, wären sie einem nicht eigentlich total egal geworden. Und natürlich steht auch die im März anlaufende Komödie “Hai-Alarm am Müggelsee” unter Generalverdacht, sich ins nicht exportierbare deutsche Mängelkino zu verheben. Wundern würde mich das nur, weil ich von einem der Beteiligten was anderes erhofft hätte. Vielleicht aber wurde ja auch wegen dieses schlechten, vorrauseilenden Rufs die ungewöhnliche Aktion gestartet, das Drehbuch zum Film heute als Hörbuch zu veröffentlichen, drei Wochen vor Kinostart. Was im Film von Henry Hübchen, Michael Gwisdek, Tom Schilling oder Benno Fürmann gespielt werden wird, übernehmen für diese zweistündige Doppel CD nun die beiden Drehbuchautoren und Regisseure: Sven – “man pinkelt uns ins Gesicht” – Regener und Leander – Sonnenallee – Haußmann (der übrigens aber auch 2007 “Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken” verbrochen hat, von daher …)
Wenn man schon mal ein Drehbuch gelesen hat, wird man gemerkt haben, dass das alles andere als easy und flüssig ablaufen kann: “Bild 23, Strandbad Friedrichshagen, außen, Tag. Bademeister:…”. Und auf diese repetitive, gewöhnungsbedürftige Weise wird eben die Geschichte vorgelesen über Wasserratte Snake Müller, der auf seinem Hausboot durch die halbe Welt schippert, um dann zufällig am Müggelsee zu landen, wo er eine Krisensituation vorfindet: ein Hai wird im sonst so ruhigen Badesee vermutet und ganz Berlin-Fiedrichshagen ist deswegen in Aufruhr. Wie gut nun, dass Snake auf Hawaii Haijäger war … Hai – Hawaii, ja ja, so ein störrisches Wortpaar, aber dieses ist ja schon Teil des Humors der Geschichte und auch, wenn man das jetzt nicht unbedingt vermutet: die Regnerische Handschrift ist dieser obskur-trashigen Story sehr deutlich anzumerken. So sehr sogar, dass Haußmann im Booklet extra noch erwähnt, dass der Sven ja die meiste Zeit an der Drehbuch-Tastatur saß und man deswegen auch schon das ein oder andere Mal streiten musste.
Schön und gut. Als ich vorhin den Trailer zum Film sah, dachte ich ehrlich gesagt: ochnö, das kommt gar nicht mal so geil rüber. Ein bisschen zumindest wie diese tausend anderen Totgeburten deutschen (Kino)Humors. Aber das muss ja nichts bedeuten. Und ein bisschen ließ mich die Story auch an einen anderen Film denken. Aus dem Jahr 1981 nämlich gibt es den TV-Film, “Am Wannsee ist der Teufel los”, der in gewissen Kreisen Kultstatus genießt. Wo z.B. in “Rocker” (1972, R: Klaus Lemke) noch hauptsächlich die städtische Biker- und Rockerkultur dreckig portraitiert wurde, ging man knapp zehn Jahre später dazu über, die neue Vielfalt der sich ausgebildeten Jugendkulturen abzubilden. Popper, Teds, Rocker, Hippies, Proleten und natürlich Punks, dazu Dialoge, die vor allem als Vehikel sehr zeitgeistiger Sprüche dienen, und das Ganze eben am Wannsee stattfindend und von oben bis unten berlinerisch angestrichen. Heute nennt man sowas unfreiwilliges B-Movie Gold.
Warum eigentlich einen See zum Ort des Geschehens machen? Ein Besuch am See das ist doch Erholung, Abschalten, Spaß und Leute gucken. Der See ist von Popper bis Oppa ein praktischer Umschlagplatz von Langeweile in die Universalwährung Spaß. Ein See ist aber in so manch einer Erzählung eben auch Hort von Gefahren, ein Kontrapunkt der lustigen Oberflächlichkeit. Niemand weiß, was auf seinem Grund versunken liegen könnte, ob Silbersee-Schatz, ein Starnberger Königsgeist oder eine Baggerseeleiche. Im Prinzip ist der See ein Ort des Grauens und des Unbekannten. Und wir schwimmen so gern in ihm, weil wir gern die Todesmutigen mimen, so lange es Spaß verspricht und Bier und Grillwürstchen dazu passen. Weil wir die Augen nicht abwenden können von diesem Loch im Boden, aufgefüllt mit trübem Wasser, wie es schweigend sich ausbreitet, ins Unerschwimmbare ausdehnt, ja weil wir immerzu hinstarren, so als müsste man es beaufsichtigen, dieses Ungeheuer, deswegen fahren wir immer wieder hin, vielleicht aus Pflichtbewusstsein. Das Ufer ist der Außenposten unseres Alltags, und das Ufer ist unser Trapezseil, auf dem wir tanzen, und eben manchmal ins Nasse fallen. Aber es ist ein Ufer, zu dem wir immer wieder zurück kehren müssen, weil die Trübe des Wassers uns vor seiner Verschwiegenheit warnt.
hai-alarm am müggelsee cast klein
“Am Wannsee ist der Teufel los” funktionierte noch als humoristische Metapher innerhalb der Grenzen der Jugendkulturen und ihrer gegenseitigen Überschneidungen, arbeitete sich leichfüßig an ihnen ab, brachte Selbsterkennungswert. Das geht bei “Hai-Alarm am Müggelsee” heute so nicht mehr (und das war bestimmt auch nicht Ziel der beiden Autoren). Denn das alte Durcheinander ist Gewohntheit geworden, das Grundthema vielleicht auch deswegen in den Bereich der Natur verschoben: Weil wir Hipster, Hype und Web zweinull eigentlich schon kapiert haben und okay bis unverzichtbar finden, muss eben die Unwahrscheinlichkeit des Natürlichen für Aufregung sorgen. Der See ist dabei nur Mittel zum Zweck.
Ist die Story nun eigentlich originell? Ja und nein. Trash kann funktionieren, wenn die Grundidee eben unterhaltsam umgesetz wird. Wie 1981 am Wannsee. Beim Versuch diese Story hier nun 2013 zu verkaufen, wird hauptsächlich auf das Verflechten von Alltagsabsurditäten, überdrehten Parodien (fast schon á la Nackte Kanone), Slaptick Momenten, deutschen Stereotypen und so manchen Schnapsideen gesetzt. Eigentlich ein Rundumschlag, der mit den stumpfen Menschlichkeiten abrechnet – eine freche Verdichtung allen modernen Dummseins.
Wollte man ein wenig überteiben, könnte man unterm Strich behaupten, diese Story sei so etwas wie das kleine Twin Peaks von Berlin-Friedrichshagen. Aber, hach, irgendwie ist das halt vorgelesen erstmal nichts, was man vermisst hätte. Ich will z.B. nicht aufzählen, welche muffigen Gags schon im Hörbuch nicht richtig zünden. Es gibt sie und man ahnt an manchen Stellen Böses. Regener hat ja zwar durch seine Person die Band Element Of Crime als ein geschlossenes und in sich vollkommenes Objekt erbaut. Als Buchautor gelang ihm das sogar auch. Aber diese Arbeiten zeichneten sich nun nie besonders durch ihre Gagdichte aus. Gags sind aber nunmal das, an was sich der Neu-Filmemacher Regener geradezu übereifrig versucht. Schwierig, schwierig…
Schließlich also reiht sich ein Dreh-Hörbuch ein in den Trend zur Transparenz. Es ist ein Making Of vor dem Making Of und ein Versuch, sich los zusprechen vom PR-Mainstream. Für diesen Mut gebührt den beiden Machern Respekt. Was das mit dem Film macht, steht allerdings auf einem anderem Blatt. Noch will ich denken, alles sei offen, und dass zumindest der Rang des B-Movie Golds erklimmbar sein wird. Ich bin mir gleichzeitg aber nicht sicher, ob mir dieses Vorabwerk hier dann doch ein wenig von der Vorfreude genommen hat. Man sollte dem Kinofilm nach allem ‘ne Chance geben. Früher oder später wird man jedenfalls merken: der Mensch lebt nicht vom Trash allein.

Wertung von 10:
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