cover kleinEs läuft doch so: da hat ne Band einen Song auf ihrem neuen Album, der vielen ziemlich sofort gefällt, nennen wir ihn einen “Indie-Hit”, und dann stürzt sich die Masse ggf. auf den Rest der Platte und kriegt normalerweise die Single plus circa zehn Lieder, die dann nicht so geil sind, wie der Hit, aber sich alle einander drastisch genug annähern, dem Albumkäufer das Gefühl zu vermitteln, man hätte diese ganze Band jetzt “kapiert” und könne die deswegen auch total toll finden, vielleicht sogar zum nächsten Konzert gehen. So. Im Fall von Norgrens Album “Buck” fällt die Reaktion der Masse trotz des kleinen Hits “What Ever Turns You On” wohl eher so aus: “öhhaa, ja, was ist das denn?!” Denn Norgren liefert als quasi Blues-Antiheld zwar den “Hit”, dann aber vor allem anspruchsvolle Songfassungen, keine schnellen, billigen Nummern, sondern entschiedenes Vorspiel, Experimente, Positionswechsel, hypnotische Zustände, Bluesmantren, bitteren Genuss, viel weniger Pop, als diese Single da und eben auch viel weniger Anspannung, als man erwarten würde … ja, “Buck” ist ein Album fast wie gesunder, erwachsener Sex.
Gemeinte Single erinnert einige bestimmt auch an den kleinen Hype um die Alabama Shakes vom vergangenen Jahr. Bei mir kamen die Südost-Staatler damals ja nicht so ganz einfach durch die Haustür, aber ich gebe zu, dass deren Hit “Hold On” bis heute nicht ganz an Reiz verloren hat. Eine andere hier Single-bedingte Assoziation sind, tja, The Black Keys. Der Unterschied zu Alabama Shakes ist aber, dass sich bei den Keys trotz dreier mir bekannter Alben nicht auch nur ein Song für mich über eine musikalische Saison retten konnte.
Und nun ist es so weit, ich muss etwas gestehen (auch wenn Blog Kollege Flo das gar nicht gerne lesen wird): ich halte die Black Keys für eine ziemlich langweilige Trampelpfad-Band, die das Potential hat bzw. lebt, den immer gleichen Song wieder und wieder zu schreiben, ohne dass es wirklich jemandem auffällt geschweige denn stört (vgl. auch Billy Talent, Bad Religion, Die Flippers, … ). Norgren dagegen ist einer, der es auch auf seinem inzwischen dritten Album nicht nötig hat, irgendeine Hitsingle auch nur im Ansatz zu wiederholen. Nicht auszudenken, welchen der anderen großartigen Songs er dafür hätte streichen müssen!
norgren liegnd2
Norgren ist ein schwedischer Bluesmusiker, der live Gitarre und Basedrum gleichzeitig bedient, für den Auftritte auch Seelenarbeit zu sein scheinen, Kontemplation am Arbeitsplatz, und der damit das Chrisma versprüht, in Konzerthäusern spielen zu können, in denen sonst auch arrivierte Jazzmusiker ein und ausgehen, Häuser in denen man keine Indie-Kids trifft oder überhaupt höchstens nur Kinder, weil ihre Akademiker-Eltern sie mitgeschleppt haben. So könnte Norgren sogar als jemand funktionieren, der eine Verbindung erzeugt zwischen Alte Herren Blues-Snobismus und Indieparty Geschmetter, wenn wenn wenn nicht vieles dafür spräche, dass Norgrens Hit fast ein Versehen war und er ihm unangenehm ist, weil jetzt auch die Jüngeren auf seine Musik aufmerksam werden.
Er nimmt sich z.B. auch heraus, auf 4 von 13 Tracks dieses Albums knattrig-zwirpende Anti-Ambient Nummern abzuladen, wummernde Field Recordings, aufgenommen wie in einer merkwürdig antistatischen Fabrik. Also nicht sowas wie z.B. 2001 dieser eine plumpe Song von den White Stripes auf dem Album “White Blood Cells”, der die Herstellung von Aluminium vertonen sollte. So ein Quatsch aber auch! Hätte Norgren heute überhaupt das Gleiche versucht zu vertonen, dann aus der Sicht des Metalls und nicht aus der des Bearbeiters. You know what I mean?
Und dann wagt er noch so einen modernen Verkaufskiller: er beginnt schon auf Track 1 mit einer dieser Athmo-Collagen, über anderthalb Minuten Alltagsverris und Irritation. Gefolgt von dem über zehnminütigen mantraartigen “Howling around my happy Home”. Dann das folky “Once a Queen”, danach wieder ein fast dreiminütiger, grübelnder Athmo-Track, ohne erkennbares Instrument darin. “Buck” hat keine Regeln, ein Konzept ja, aber keine Regeln, keine Bedienung der Masse, sondern ein Fingerspreizen am Abend, verschleiert mit immer wieder tiefdunklen Lyrics.
Ich habe das Bedürfnis, “Buck” zu einem meiner bisherigen Jahreshighlights zu ernennen. Und ich tue es gerne, weil ich ein bisschen Angst hab, dass er nur für seinen Hit verkauft wird und seine sonstigen Qualitäten übersehen bleiben. Und das wäre nun wirklich schade. Ach, und die CD selbst? Ist ein Buch im DinA5 Format. Mit dunklen, verwaschenen Fotografien auf Hochglanzpapier, eine Ausstellung seiner Songs – nein, viel eher eine Ausstellung der vier Tracks, die nicht als typische Songs durchgehen, sondern den Blick in den Abgrund zulassen, der manchmal eben für einen Überraschungshit verantwortlich ist.

Wertung von 10:
9von10-klein