love is symmetry 1
Wie wäre es wohl, würde eine angesehene Band ihr neues, vorher unangekündigtes Album urplötzlich an einem 1. April veröffentlichen, ein musikalisch ganz untypisches Album für diese Band nämlich. Sie würde doch Teile der Welt im Unklaren darüber lassen, ob das Produkt nun ein Scherz sein soll oder vollkommen ernst gemeint ist. Wie käme das also wohl an? Immerhin glaube ich nicht, dass das in größerem Maßstab bereits passiert wäre. Wäre das dann nicht wieder so ein “medialer Coup”? Ein Album, das gar keins ist oder vielleicht ja doch eins ist? Und gehörte dieses dann in die offizielle Diskografie der Band? Oder nur, wenn es allen Erwartungen zum Trotz dann doch viele toll finden, obwohl es eben musikalisch kalkuliert absurd ausfällt? Würden sich die Feuilletons überschlagen und durch den PR Stunt einen bisher toten Winkel des Archivierungsgedanken ausgeleuchtet sehen? Denn sind Scherze nicht eigentlich auch keine? (Und könnte man da in einem Nebensatz nicht sogar wieder die Geschichte mit der Mohammed-Karikatur raus kramen?)
Auch interessant: neulich hörte ich, dass viele Jahre nach den Deportationen des zweiten Weltkrieges vor allem polnische Schatzsucher jene Bahnstrecken mit Metalldetektoren absuchten, die abertausende Menschen zu den Arbeits- und Vernichtungslagern führten. Sie suchten kilometerlang und penibel genau, weil sie aus Überlebendenberichten wussten, dass viele Zuginsassen ihre letzten Wertgegenstände verzweifelt aus den Fensterschlitzen warfen, in der Hoffnung, ihren Besitz irgendbald wieder einsammeln zu können.
love is symmetry 2
Auf Scanners’ neuem Album “Love Is Symmetry” hören wir eine bunte Mischung aus softem Pop-Folk und obligatorischem Electro-somethingsomething-Pop, unüberhörbar Einflüsse von Interpol bis Lykke Li, manchmal imposant, oft flott von Sängerin Sarah Daly vorgetragen.
Und wir finden einen Song namens “Mexico“. Dieser Song ist die vielleicht größte Frechheit, die mir in den letzten Monaten auf einem Album begegnet ist. Kurzum: er ist das glänzendste, anbiederndste und vermarktungsgerechteste Arcade Fire-Plagiat, das wohl in all den Jahren der Huldigung von Arcade Fire entstand. Dreieinhalb Minuten uptempo Gitarrenschwingen, Klatschen, überschwänglicher Gesang, klar konturierte Melodie und immer wieder dieser Refrain, wie man ihn schon als Blaupause in z.B. “Keep The Car Running” (2007) oder “Ready To Start” (2010) oder oder oder hörte. Und jetzt brauche ich ein Bild: “Mexico” wirkt auf mich wie ein Tänzer, der niemandem in die Augen schaut und bis aufs Blut seine zerfaserte Nummer durchzieht, wohl wissend, was alle im Raum denken über diesen fast grotesken Abklatsch. Oder zumindest würde ich als Zuschauer so denken in einem solchen Moment, auch wenn ich zum Schluss aus Höflichkeit klatsche.
Meine Erfahrung nun aber zeigt, dass es trotzdem immer wieder diese Menschen/Künstler/Firmen/… sind, die sogar halbwegs durchkommen mit ihrer sturmfesten Arroganz. Wissend, dass trotz aller Hochkultur Dünkel, diese oder jede Masche halt gerade im Moment funktionieren dürfte, einfach weil die Leute eben heute “so ticken”, oder weil es risikolos genug ist, sich auf die eine oder andere Art zu betragen. Ich habe also das Gefühl gewonnen, dieses Album hier hat einen anderen Anspruch an “neue Musik”, als ich ihn habe. Es schwingt eine gewisse Trauer in ihm, eine Aufgabe von Idealen, ein Seufzen beim Scheitern irgendeines alten Identitätsentwurfs, heimlich abgewrackt, damit die neue Platte endlich fertig wird. Ein Schlund von einem Gedanken. Oder einfach Realität.
Liebe ist nicht Symmetrie. Liebe ist Asymmetrie, ist Bluterguss und Perlenhandel. Aber nicht Symmetrie, niemals diese naive Topf-Deckel Idee und schon gar das mit den besseren Hälften. Liebe ist kein Rorschachtest. Und Scanners’ neue Platte keine Lösung. Nein, “Love Is Symmetry” ist nicht mal ein Aprilscherz, dafür erschien es vier Tage zu früh. Aber ich glaube, es ist ein Sammeln an den Bahngleisen. Doch ist es dafür wiederum Jahre zu spät. Die Schätze sind geborgen und weiterverkauft. Nur noch selten piept der Detektor und schämt sich, dass er doch noch was gefunden hat. Nur Liebe, Liebe findet er eben nie.

Wertung von 10:
5von10-klein

 

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Tourdaten:

14.04 Hamburg, Molotow Bar
15.04 Köln, Underground
16.04 Berlin, Comet
17.04 München, Muffatcafé
18.04 Heidelberg, Halle 02
19.04 Stuttgart, zwölfzehn
10.04 Bremen, Lagerhaus