ventura ultima necat 1
Drittes Album des Schweizer Progressive Rock Trios Ventura. Beginnen wir mit dem Plattencover und einer kleinen Einordnung desgleichen. Es zeigt ein Motiv aus dem Japanischen Affenpark Jigokudani, den jeder gute (Ski)Tourist der dortigen Gegend mal gesehen haben muss. Darauf zu sehen Makaken, die, umringt von Winter und in Zen-hafter Ruhe, ihre kalten Hinterteile in einer heiße Quelle baden. Vielen könnte das Motiv bekannt vorkommen. Ich glaube nämlich, dass sein Photograf (Marsel van Oosten? 2008?) mit der Bilderserie dieser Äffchen damals ein bisschen für Online-Aufsehen sorgte. Aber wohl nicht etwa, weil sie so menschlich daher kommen und uns erinnern an das, was wir am allerwenigsten sind, nämlich gechillte Jacuzzi-Poser, sondern wahrscheinlich nur, weil das Internet für einen winzigen Moment seine Schwarmintelligenz eben auf nasse Makaken lenkte, statt wie sonst zu oszillieren zwischen Hund und Katze, Promi und Porno.
Fläzend wie Makaken geben sich nun auch einige Songs auf “Ultima Necat” (vgl. lateinisches Sprichwort “Horae vulnerant, ultima necat” = “Alle Stunden verletzen, die letzte tötet”), z.B. “Little Wolf” oder “Intruder”, vermummte Stücke, die zwar nicht an Kraft sparen, aber immer auch wissen, wann es reicht, bevor sie sich in Riffwiederholungen verkalkulieren. Da höre man auch allein das geschmackvolle Outro von “Body Language”. Der andernorts schon attestierte 90er Grunge Einfluss – auch wenn ich es ungern zugebe – ist hier dann doch tatsächlich zu hören. Aber er wird nur so vermittelt, wie er z.B. auch bei Blackmail zu vermitteln ist: “europäisiert“, zu Recht verkopft. Und genauso könnte man auch Einflüsse von Aereogramme (“Sleep and Release” (2003)) finden, z.B. in „Very Elephant Man“ oder in “Corinne”, … diese gestachelte Aufgeregtheit, stets gepaart mit einem Vertrauen in die hier ganz vorne geparkten Gitarren und daher grade noch so vernehmbaren Gesangszeilen wie “she can’t swim/she can’t swim/she can’t swim”, beschworene Verzweiflung.
ventura ultima necat 2
Nicht vorbei kommt man an dem Zwölfminüter “Amputee”, dem Hauptsatz von “Ultima Necat”, dem bravourösen Episodenstück, welches zwischen der anfänglichen Aussage “I feel like an amputee” und dem muskulösen Nachklapp der darauf folgenden sechs Minuten verhandelt, eine musikalische Reise wie auf schaukelnden Gondeln entlang purpurgrauem Karnevalstreiben. Masken links und rechts, die mörderisch winken, amputiert. Ein wahnhaftes Bild und Venturas stärkstes Stück.
Und allerhand Masken muss es auf diesem Album ja geben, das allein deuten die Linernotes an: “This album was recorded with a self-centered, depressive philosophy”. Und auch wenn diese “depressive Philosophie” zumal textlich nur verrätselt durchscheint, und wenn doch deutlicher, dann immer eher als eine gesunde Arbeitsfläche, so ist “Ultima Necat” letztlich zwar ein introvertiertes aber doch auch nach vorn gerichtetes Arbeitsstück. Und es ist eines, das mit (Linernotes:) “Lots of overdubs and “tricks”” arbeitet. Produzenten-Tricks sind bei einem Trio mit derlei gewaltigem Klang unumgänglich. Sie kompensieren hier zu Recht, was auf textlicher Ebene zu wenig hergibt. Und so enttäuscht dieses Album bei nicht viel mehr, als bei seiner Wahl des Plattencovers. Verdammte Poser-Makaken! Passender wäre die Gondelfahrt, gesäumt von stillem Barock und dreckigem Karneval, und ganz vielen Masken, die aber allesamt eigentlich immer nur Amputationen sind. Aber ich schätze, dieses Bildmotiv stand einfach nicht zur Auswahl.

Wertung von 10:
7von10 klein


“Ultima Necat” erscheint morgen bei dem Schweizer Vitesse Records.