DAGOBERT 1

Während Intro.de schon ihre “10 Geheimtipps für den Sommer” lanciert, weil draußen seit wenigen Tagen der Frühling niest, hat die “Indie”-Hochkultur Deutschlands noch einen merkwürdigen Kloß im Hals. Er nennt sich Dagobert und ist im Sinne der Musikgenreverständigung der Schweizer Schlager-Botschafter mit Freifahrtschein für alle seriösen Musikmedien und Blogs (diesen eingeschlossen). Dagobert verknüpft Schlager-Standards mit hipper Großstadtkompatibilität. Opas Radio mit 2.0 sozialisiertem Studentenmilieu. Ein Phänomen.
Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht dabei aber immer wieder seine Biographie, diese wie erfunden klingende Ode an Soziopathie, Depression, irre Freigeisterei, Verdruss und Passivität. Ein lang erwartetes wahrhaftig werden des Slogans “Verschwende deine Jugend”. Ein Vorbild des Eskapismus par excellence und ein Nein an den omnipräsenten Jugendwahn.
Ich kann über seine Musik nur sagen, dass sie umwerfend ist. Dass ihre Einfachheit mir fehlen musste, ohne dass ich es geahnt hatte. Wie sonst sollte ich sie auf einen Schlag so wertschätzen können? Dagobert singt fast ausschließlich und idiotensicher von der Liebe. Heteronormative Ewigkeitsschwüre und überromantisierte Reihenhaus-Fantasien. Vollkommen unsexuell und rein emotional. Und vor allem unironisch lesbar. Welch eine Erleichterung! Vor allem für jene Großstadttypen, denen diese Musik hier trotz all ihrer angehäuften Persönlichkeit und Kredibilität erlaubt, für kurz den Traum des gesellschaftlichen Ankommes zu träumen. Hinzu kommt ja nämlich, dass Dagobert – gefühlte 30 Jahre alt – im geeignetsten Alter ist, genau darüber zu dozieren: nie wieder WG Leben, nie wieder Drogen, nie wieder Rausch und falsche Gesichter, dumme Prinzipien, Erfolgsdruck und verkopfte Beziehungsdramen. Nein nein, Dagobert sagt, es ist OK langweilig oder einfach nur konservativ zu sein. Das Glück kommt trotzdem zu dir, oder besser: steht schon lange vor deiner Tür. Und es sei schon nicht so schlimm, kein Szeneheld geworden zu sein und stattdessen mittelmäßig erfolgreich im Menschenmeer zu dümpeln.
DAGOBERT 2
Eine Erleichterung also. Aber auch eine, die uns immer wieder skeptisch macht, weil sie erstens auf der wahnwitzigen Erzählung Dagoberts Biographie fußt (an der Kurz-Doku über Dagobert kommt man tatsächlich nicht vorbei) und zweitens, weil sie eben doch vor allem wahrgenommen wird und funktioniert innerhalb der Welt der WGs, Drogen, Kollegenschweine und komplizierten Beziehungen, des erwachsen tuns und der innerlichen Aufgeschmissenheit. Gegen diese Welten kann Dagobert selbstredend nicht ankommen, egal wie emotionsgekrümmt er von seinem Verlangen nach unbefleckter Liebesempfängnis singt. Viel eher ist Album “Dagobert” nur ein retardierendes Moment, ein ach so schöner Spaß, bis ein Wecker klingelt: Unterhaltung. Seine Versprechen sind Balsam, ja. Seine Person aber bleibt vielleicht Lüge, 2.0-Fake, erfunden im Label-Hause Buback. Aber bestimmt ist sie auch eine Erfindung, an die wir glauben wollen, weil wir ja auch an die Erfindung unserer selbst glauben, glauben müssen. Und ich fürchte, sollte Dagobert „echt“ sein, werden wir, das Publikum, schon noch eine Form finden, diese Person mit unserer Ironie und Angst zu vergiften.
Vor wenigen Tagen sah ich den Stummfilmklassiker Nosferatu und dachte schlagartig an die Figur Dagobert. Sein Kleidungsstil, sein Umherwandeln in Berlin, sein Kommen aus dem Dunkel, seine eigenartige Künstlichkeit und seine eigentlich freundliche Art, all das vereint auch Max Schreck im Charakter des Grafen Orlok. Auch Orlok kommt aus den Bergen in die Stadt, aus der selbstgewählten Isolation hin zu den Massen der Verblendeten, die im Kreis sich drehen. Im Film bringt Orlok die Pest mit sich, im Jahr 2013 bringt Dagobert zumindest den Aufruhr der Medien. Ein blutdurstiger Mann, der aber eigentlich nur den Mut aufbrachte, aus dem Dunkel zu treten, sich selbst besiegend und dabei endlich frei sprechend von den größten seiner Sehnsüchte. Ein einsamer Graf, der noch an die Liebe glaubt in unserer kalten Stadt. Und wie soll man dem nicht verfallen?

Wertung von 10:
9von10-klein

Das Debüt Album “Dagobert” ist seit dem 12.04 erhältlich. Tour folgt.

 

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