Wie bereitet man sich vor auf einen Solo-Konzertabend von Troy Von Balthazar? Diesen Amerikanischen Sadcore Multiinstrumentalisten und Sänger. Dieser Mensch, der auf jedem seiner inzwischen drei Alben vor der Macht des Dunklen in die Knie geht, wie ein Gläubiger vor dessen Gott. Diese Musik, auf deren Stirn man zu lesen meint: nur der bußfertige Mann wird bestehen. Wie bereitet man sich darauf vor? Wieso bereitet man sich darauf vor?
Ich gehe am Nachmittag vor dem Konzert spazieren, etwas das ich gerne tue, allein auf Straßen gehen. Das mag ich gerade. Und gestern da ging ich zum alten Flakturm im Berliner Humboldthain. Ich kann ihn täglich aus der S-Bahn sehen, wie er posiert auf dem Hügel im Park, so ganz ohne Aufgabe, scheinbar. Bei leichtem Nieselwetter und Troys Debütalbum aus den Kopfhörern mache ich mich also los. Vor Ort ist es dann kein besonders steiler Weg hoch zu diesem Koloss. Aber es ist einer, der spiralförmig bergauf führt und oben angeblich mit einer Aussicht belohnen soll. Und wenn man so hochsteigt, behält man unwillkürlich immer diesen Bau im Auge. Wie er nicht aufhört, von da oben runter zu wirken. Ein Schatten, einer, der stöhnt vor stumpfen Narben, in grauer Eminenz. Oben dann, nach diesem sanften Terror beim Aufstieg, der Ausblick. Ein Blick auf die Stadt, und bald über sie hinweg, auf der Suche nach ihren Rändern, unauffindbar bei diesem Wetter, vielleicht auch bei jedem anderen Wetter. Das Auge verliert sich im bepackten Himmel. Ich stehe also ganz oben auf diesem bitteren Thron, den man 1942 baute aus Verfehlungen und Verfolgungsangst. Ein Turm, der immer noch in die Ferne starrt, als könnte jeden Moment aus der Tiefe dieses modernen Grau jemand heranfliegen.
Oben noch kurz vorm Abstieg dann ein Wunsch: all das hier, dieser Haufen, diese Wucht, diesen Moment: sollen die Bäume und Sträucher all das doch verschlingen, überwuchern. Sollen sie doch ein mal mehr den Beweis erbringen, dass noch die größten Verfehlungen weg gekämmt werden können von dem Grün und seinem Tempo, dieses Tempo, das in dieser Metropole ja ach so hoch zu sein pflegt. Aber ach, was für ein naiver Wunsch, besonders von einem, der selbst ja nur langsam umherspaziert und Notizen macht über Vergangenes. Ein Wunsch also, der in Demut vor dem Turm erstarrt, auf dem man nun steht und der diese Perspektive überhaupt nur erlaubt. Aber ich will hier nicht mehr hoch, verschlungen soll all das hier sein. Die Zeit sollte sich selbst verdauen können.
Vielleicht war das ein sinnvoller Spaziergang. Zumindest aber einer, der diese Worte hier aus mir wringt, weil ich eben Troy Von Balthazars Musik dabei hörte, Musik, die mich fallen ließ auf diesem Berg aus Beton und bemoosten Trümmern.
Einige Stunden später dann also das Konzert. Es beginnt wie auch Troy Von Balthazars Debüt Album mit dem Song “Took Some $$$”, exponierteste Zeile: “one day I’ll make money like a real man”. Das singt er nun seit 2005. Und seitdem wohl kann man darüber rätseln, ob er nun ein “real man” geworden sei. Er wirkt nicht so, aber andererseits weiß ich auch nicht, wie ein “real man” überhaupt wirken soll. Ist er einer mit Narben im Gesicht? Einer, der sich elegant kleidet? Zurückhaltenden Charme ausstrahlt? Selbstironische Bühnenansagen macht über die wenigen fröhlichen Lieder im Programm? Jemand, dessen Zustand durch die Körpersprache so schrecklich sichtbar wird? Gedichte veröffentlicht? Gar jemand, der sich bei seinen Auftritten immer auch selbst kreuzigt, indem er während des Konzertes auf einen Gitarrenverstärker steigt, mit ausgebreiteten Armen leise singt, wie eine Zielscheibe sich angreifbar macht, immer und immer wieder angreifbar macht da oben, kokettiert mit allem Traurigen, sich selbst im Weg stehend mit den ewigen Wiederholungen seiner Loop Geräte. Kein Fortkommen. Vielleicht ja ist ein “real man” jemand, der für immer bleibt.
Während des Konzertes schauen manche Leute im Publikum immer wieder zu Boden, ertappt und beschämt vielleicht von so mancher Zeile, davon, dass Troy aus diesem Konzert ein bisschen auch ein Verhör macht. Zielgruppenmusik. Ich stehe schließlich unter 50 Menschen, die sich gerne in diese gewagte Stimmung ziehen lassen an einem Samstag Abend. Fünfzig, die wiegen wie fünftausend, Troys Schultern tragen kaum ihn selbst.
Und er singt fast ausschließlich mit geschlossenen Augen. Wovor hat er Angst? Vielleicht davor, dass eines Tages am Himmel doch etwas anfliegt in grollendem Erdrücken, etwas, das bekämpft werden muss. Vielleicht ist Troy Von Balthazar der Flakturm. Der Flakturm, der für immer auf diesen Himmel starren soll und dabei zur Zielscheibe wird. Scheinbar ganz ohne Aufgabe. Aber Troys Krieg ist vorbei. Das weiß er. Nur dass er verloren ist, kann er nicht sehen.