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“It’s loud, it’s fast, it’s dark, it’s catchy, it’s everything you want from this band”, sagte Thermals Sänger Hutch Harris über sein neues Album vor ein paar Wochen und formulierte damit tatsächlich auch schon alles, was gesagt werden kann über “Desperate Ground”, das inzwischen sechste Album dieses Rock Trios aus Portland, Oregon. Aber:

Kurz mal zurück ins Jahr 2006. Was so los war: James Blunt sang „You’re beautiful“, Gnarls Barkley sang „Crazy“ und ich hatte meine damalige Freundin satt, trennte mich aber nicht von ihr. Vielleicht ja, weil sie so gut gepasst hatte zu den Hits der Saison. Außerdem ging ich 2006 manchmal zur Uni und oft zu Konzerten. Und dann kam „The Body, the Blood, the Machine“, das Durchbruchalbum der Thermals, um die Ecke.

Ich war damals jünger als heute und ich tat möglichst schlau, weil mein Umfeld mir so schlau vorkam (was von meinem Umfeld aber sehr wahrscheinlich nur Show war). Ich las nie Bücher oder Zeitung, ging nicht in Museen und guckte viel fern, überhaupt saß ich viel rum und dachte an nichts Bestimmtes, zumindest kann ich mich an nichts erinnern. Ich fand Klaus Kinski super, und bastelte CD Hüllen aus Anzeigen in der Intro. Ich habe mir Essen gekocht und mir ein Fahrrad gekauft. Ich war die abgelatschte Durchschnittsseele, wie man sie vor sich in der Kassenschlange hat und hinter sich im Stau. Irgendwann verglich mich der 7jährige Sohn eines Freundes mit einem „leeren Blatt Papier“. Daran erinnere ich mich noch. Und daran, dass ich den Jungen mochte.
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So here’s your future, so here’s your future, so here’s your future“, so begann das Album 2006. „So here’s your future, so here’s your future, so here’s your future“, so die Ansage des ersten Tracks, dem Rest des Songs hab ich nicht wirklich zuhören müssen. Dem Rest des Albums fast auch nicht. Aber als ich diesen Song zum ersten mal hörte, da saß ich grade auf dem Boden bei einer Freundin. Während ich durch ihren großen Bücherschrank guckte, hörte ich diesen Song. Immer und immer wieder. Ich wusste nichts über diese Band, aber das war egal, denn ich wusste auch nichts über mich. Ich kannte diese Stadt nicht und sie selbst würde nichts daran ändern wollen. Manchmal sah ich meine Eltern, aber eher haben wir telefoniert.

Was hatten die Leute damals bloß immer mit dieser Zukunft. Kannten sie nicht schon die Zukunft von davor? Mir wird heute schon schwindelig, wenn ich nur versuche, mir vorzustellen, was Zeit eigentlich ist. Aber damals wurde mir außer beim Schaukeln nie schwindelig. Ich habe den Schwindel simuliert, wann immer ich konnte. Und meistens saß ich einfach nur rum und tat schlau. Genau, wie wenn ich im Stau oder an der Kasse stand, wo irgendein Penner die ganze Sache verlangsamte oder irgendwas den Weg blockierte, irgendwer sein Kleingeld nicht zusammenbekam oder irgendeinem Laster tausend Gläser Spreewald Gurken wegrutschten. Ich berührte den Boden und war eigentlich gar nicht da. Manche nennen es Verzweiflung.

Heute glaube ich, besser zu wissen, was alles immer so verlangsamte und ich glaube, es war die Zukunft selbst. Sie legte sich auf der Autobahn schlafen, wachte ganz langsam an der Kasse auf, streckte sich. Oder sie saß einfach nur auf dem Boden und prüfte Bücher in Bücherschränken, fast wie jemand, der weiß, dass er zu wenig Zeit hat für all das hier.