Fast dachte ich, ich komme zu spät zum Konzert. Irgendwas war mit der U Bahn und außerdem verschätzte ich mich mit den Fahrzeiten. Wäre aber natürlich höchstens zu spät zur Vorgruppe gekommen. Und da fängts schon an: mir fiel bei der Anfahrt auf, dass ich gar nicht richtig weiß, welche Gruppe eigentlich wen supportet, welche Gruppe eigentlich die größere ist. Vielleicht sind sie ja beide gleich “klein” … bestimmt jedenfalls gleich gut. Dachte ich.
Letztlich bin ich dann doch zu früh da und schaue deswegen auf dem RAW Gelände rum, auf dem sich eben auch ein altes Lagerhaus, heute Cassiopeia, befindet. Ich schaue den Kletterern zu, die das hier an den Wänden so richtig mit Seilen und allem betreiben. Auch irgendwie neu so ein Anblick vor nem Konzert. Ich lass mich also überraschen, die beiden Bands wohl auch, zumindest was den Besucherandrang betrifft. Unglaublich voll wird es nicht werden, denn wer hier hinkommt, will mehr klettern und weniger rocken. Außerdem beträgt der Eintritt heute 14 Euro, die Tageskarte für die ganzen knochigen Sportler hingegen nur 6 Euro. Und dafür kriegen die dann ganz oben auf dem alten Betonturm, den sie hier ehrfurchtsvoll “den Kegel” nennen, sogar noch diesen fantastischen Berliner Sonnenuntergang gratis dazu.
21 Uhr, und es beginnen: Grande Roses, filziger Rock aus Schweden. Alle fünf Bandmitglieder in schwarzen Lederjacken-Uniformen, Frontmann Göran ohne Instrument. Die Akustikgitarre, so sagt er mir später, hat er vor ein paar Jahren schon abgelegt, zum Beispiel, damit ihm mehr Bühnenfreiheit geboten ist. Und die nutzt er weiß Gott. Ein hektischer Typ, aufgekratzt von jetzt auf gleich, ein in sich verkrümmter Dirigent mit großen Gesten, sich aufbäumend und sich selbst fällend, eine wunderbare Performance. Viele Ansagen zwischendurch, ich versteh nicht alles, aber irgendwann beleidigt er Stockholm als Stadt. Und die EMI auch. Mit EMI liegt die Band gewissermaßen im Streit, seitdem sie aus ihrem kurzlebigen Major Vertrag geschmissen wurden, weil sie nach ein paar Monaten nicht in den Schwedischen Top 40 Spotify Rock Charts zu finden waren. Vielleicht kommt Album Highlight “Sold out our Time” auch wegen dieses Kontextes heute so ambitioniert rüber. Görans Stimme heult und pfeift, ginge es nach mir, dürfte das hier grade gar nicht aufhören.
Well well well, aber nach dem viel zu kurzen Set von Grande Roses also Smoke Mohawk. Die norwegischen Rockgrößen mit langer Geschichte und ganz viel Aufopferung für den Rock als solchen. Oder soll ich sagen, Frontmann Thomas Felbergs jahrzehntelange Aufopferung für den Rock? Sehe die Band zum ersten Mal live und habe tatsächlich mit was anderem gerechnet. Teile des Publikums wohl auch, denn irgendwie verschwindet die erste Publikumsreihe nach der Pause. Der Funke will bei mir auch nicht recht überspringen. Das mag an zwei Dingen liegen: dem starken Eindruck, den Grande Roses hinterließen, und daran, dass Smoke Mohawk sich ihr Publikum nochmal selbst vorbereiten, einfach weil sie ganz andere Böcke in uns wecken müssen. Immerhin sollen wir jetzt klar kommen auf nackte Oberkörper statt schwarze Banduniformen. Ansagen, die aus den 70ern stammen könnten, statt Realo-Schelten. Knospende Soli, statt Straßenhärte, und einen Drummer, der aus irgendeinem Grund ein Knackikostüm trägt.
Und ich gucke und höre, und höre und gucke, und zack wars soweit, sie haben mich in ihrem 70s Rockding gefangen. So sehr sogar, dass sie sich zum Schluss etwas trauen konnten, was man abseits von astreinen Gesamtwerk-Coverbands eh nicht mehr zu hören bekommt. Smoke Mohawk covern Deep Purples “Highway Star”. Ein bisschen fühlt es sich so an, als hätten sie sich die Erlaubnis dazu vorher hart bei uns (oder nur mir) erspielen müssen. Aber sie ernten wahnsinnigen Beifall, auch von mir, und übrigens auch von den Grande Roses Bandmitgliedern. Und das ganze vorher so sperrige 70er Rockthema war für mich plötzlich verdaulich, alles Befremdliche ungültig und, tja, wieder mal gewann die Erkenntnis, dass “der Rock” die Oberhand behält und noch jeden irgendwie rumkriegte.
Thomas Felberg wusste das scheinbar schon immer und spürt es wohl besonders dann, wenn er einmal mehr verschwitzt und entkräftet von der Bühne steigt, mit geradem Blick Richtung Backstage fällt. Und er weiß auch, dass es morgen früh um 6 Uhr nach Köln weiter geht. Den fantastischen Sonnenaufgang gibt’s gratis dazu.

smoke mohawk live 2013

ASIWYFAB-Rezension zu Smoke Mohawks aktuellem Album “Viva El Heavy Man“.
ASIWYFAB-Rezension zu Grande Roses aktuellem Album “Disease”