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Zwischen radioeins und Radio Fritz ist asiwyfab dran. Im Berliner Rosi’s, meine ich. Dort, wo die Warschauer Folk Pop Band Paula & Karol irgendwann Freitag Nachmittag anreist und wo die Clubbesitzer sie irgendwie nicht so richtig willkommen heißen. Denn zuerst sagt mir Tourbegleitung Magda, wir könnten das Interview nicht drinnen führen, weil man die Band da grade nicht gebrauchen könne. Spontan zog ich in Erwägung, das Gespräch mit Paula und Karol vielleicht im nahe liegenden Hundepark zu führen. Zwischen schnüffelnden Huskys über die Enge im Tourbus reden. Aber dann wurde an irgendwelchen Knöpfen gedreht und die beiden empfingen mich doch im Clubgebäude, in einem Raum, der aussah, als hätte er mal als Chinesisches Restaurant gedient und heute ein Treffpunkt der Chinesischen Mafia ist. Abgedunkelte Fenster, alte Ledermöbel, an den Wänden Holzschnitzkunst, Pagoden, See Impressionen und dazu der übliche Drachen Stuff. Wirklich bezaubernd.

Als Band touren dagegen ist irgendwie weniger bezaubernd und viel eher so merkwürdig aufgeladen. Dieses Nie-Zu-Hause sein, obwohl um einen herum alle alles tun, damit man sich doch wie zuhause fühlt (außer halt heute in Berlin). Dazu schlecht schlafen, viel organisieren, wenig von den Städten sehen. Und dann auch noch jeden Abend andere Leute, die was von einem wollen, gerade meine Sorte fremder Typ, der anstrengende Fragen stellt, darüber zum Beispiel, wie der Charakter des “Genies” in der Popmusik heute überhaupt noch heranwachsen kann, wo doch all der Zauber und das Geheimnis des jungen Künstlers schleichend verloren geht durch die Selbstdarstellung im Web 2.0. Meine Stimme klingt bedauernd, fast aufgebracht aber an beider Stirnrunzeln merke ich, dass ich Paula & Karol grade vielleicht doch vor all zu existenzielle Fragen stelle. Da fehlt es gerade noch, dass ein Fan Paula gestern in Bayreuth fragte, ob sie schwanger sei von Karol, wo sie doch so schwanger aussieht. Das seien die Dinge, die sie wirklich fertig machen auf Tour: ihre body issues als große Frau und immer diese aufmüpfigen Fans, die fragen, ob sie und Karol denn nun eigentlich ein Paar sind. Natürlich tue ich sofort so, als wäre mir die Antwort auf diese Frage total egal. Sie aber auf meinem Fragezettel durchzustreichen, wäre jetzt bisschen auffällig. Paula sagt außerdem auch, sie sei eh nicht im Stande, längere Liebesbeziehungen aufrecht zu halten. Wollte Karol was von Paula, er wäre scheinbar für immer in der Friendzone gefangen. Aber ist nicht das vielleicht gerade der Ort, an dem er seine herzerwärmenden und melancholischen Lyrics schreibt?! Ich glaube, er seufzt ganz leise, als Paula ihre generelle Ablehnung von Beziehungen zugibt.

Auf der Bühne aber immer diese Fröhlichkeit, das breite Grinsen, gute Laune. Eine Art Markenzeichen. Und je mehr das Publikum auf diese Fröhlichkeit reagiert, desto mehr Grinsen und Begeisterung kriegt es zurück. Genau so wird es beim Konzert heute Nacht auch sein. So war es ja auch auf all den YouTube Live Videos, die ich mir im Vorfeld ansah. Und mit „all den“ meine ich immernoch nur einen Bruchteil dessen, was es von der Band online zu sehen gibt. Konzerte in Wohnzimmern, Clubs, Radiostationen, auf der Straße und im Park. Ihre erste LP hieß “Overshare”! Außerdem gibt’s eine sehr aktive Facebook-Seite, Twitter Account, Website, Tourblogs, Bandcamp Page etc. pp. Da darf man doch mal fragen, wie es so ist mit dem Selfexposing heutzutage und der Magie, die damit vielleicht verloren geht. Besonders will man das fragen, wenn man weiß, dass Paula letztes Jahr ihren Doktor in Soziologie gemacht hat und sich viel beschäftigt mit online-offline Interaktion.

Auf der Suche nach Arbeit an einer Universität hat es sie dann aus Warschau nach Hamburg getrieben, wo sie seit letztem Jahr wohnt. Es muss eine schwierige Entscheidung sein, die Band örtlich so entzwei zu reißen, besonders zu einem Zeitpunkt, an dem sie gerade ihre zweite LP veröffentlicht hat und sich generell prächtig entwickelt. Wie reagierte Karol auf den Umzug? “Wir haben sowieso sehr oft darüber gesprochen, dass die Band nicht unser ganzes Leben einnehmen sollte. Immerhin sind wir wirklich ständig getourt und haben aufgenommen. Und ich dachte immer, wenn du es dir gemütlich machst in diesem Lebensstil, dann fängt die Musik an, darunter zu leiden. Wenn Paula also ihre Aufgabe darin sieht, zu lehren und zu forschen, dann soll sie das machen. Auch in Hamburg.” Sehr verständnisvoll.

Paula korrigiert das Gesagte etwas: “Ich rief Karol irgendwann aus Hamburg an und er war total niedergeschlagen, am Boden. Er war sich nicht sicher, wo die Band jetzt steht. Also sagte ich: Karol, die Band existiert noch! Heul nicht rum, wir haben eine Deutschland-Tour vor uns! Wir müssen den anrufen und der schreiben, get your shit together!

konzert paula karol

Paula scheint ohnehin die Person zu sein, die die Band mit ihrer Disziplin zusammenhält. Letztes Jahr machte sie also ihren Doktor in Soziologie, sprach beim Reeperbahn Festival auf einem Panel über den heutigen Wert von Musik, tourte parallel fast ununterbrochen, plante diese Touren teilweise selbst, schrieb Songs, veröffentlichte mit der Band das zweite Album, zog nach Deutschland, jobt nebenbei in Lübeck, kommuniziert generell viel mit Geschäftspartnern und hält als aller wichtigsten Punkt den Kontakt zu Online-Freunden aufrecht. “Wenn Karol an der Tastatur sitzt, um was bei Facebook zu posten, dann dauert es ewig, bis er weiß, was er schreiben will.” “Paula hätte in der gleichen Zeit schon sieben Couchsurfer organisiert. Überhaupt ist ihr Umgang mit Kommunikation einer der Gründe, warum wir in Warschau so schnell bekannt wurden. Durch sie haben wir als Band heute eine fantastische Community um uns herum geschaffen.” “Ja, und auch deswegen musste ich dann nach Hamburg ziehen,” scherzt Paula, “um dort noch mehr Freunde zu finden!”

Es gibt also Paula die Musikerin und Paula die Soziologin. Wie funktionieren diese Figuren zusammen? “Natürlich”, sagt sie, “sind Banderfahrungen eine Ressource für meine wissenschaftliche Arbeit.” Andersherum gäbe es aber keinen echten Austausch, und sowieso keine Diskussionen innerhalb der Band über soziologische Aufsätze zum Thema “Die Zukunft der Musik”. Es scheint, als wäre die Soziologie das Experimentierfeld der Musikerin, nicht umgekehrt. Auch deshalb kommen Paulas Antworten, egal wie sehr ich denn nun grabe nach diesem verdammten “Mythos Genie”, immer nur aus der Sicht der Musikerin, gesprochen mit einer Disziplin, die auch sagt: Touren ist Urlaub von der Wissenschaft. Ich gebe mich geschlagen, pfeife auf meine Abiturienten-Neugier. Es ist und bleibt Freitagabend. Zeit für ein Bier.

Später am Abend fahre ich dann zum zweiten mal zum Rosi’s, diesmal zum Konzert. Vor Ort blaffe ich den Ticketverkäufer so sehr an, dass ich mich wunderte, überhaupt reingelassen zu werden. Und mit der Bardame und ihrem Kollegen habe ich auch irgendwie Streit angefangen. Zwischen drin verliere ich meine Konzertbegleitung, stoße während des Paula & Karol Auftritts mit Bassisten Krzysiek zusammen, singe brülle wie das restliche völlig endorphingeladene Publikum jeden Refrain mit und springe dann bei der anschließenden (mülligen) Karrera Klub Indie Pop Disco noch ein paar Songs lang rum. Wie man aber in meinem Alter noch zu Becks “Loser” tanzt, ohne sich völligst zu blamieren? Ich glaube, Paula & Karol Konzerte bringen es einem bei.

Weitere Tourtermine:
12.05. Göttingen Junges Theater
14.05. Bonn Bla
15.05. Lübeck Blauer Engel
16.05. Hamburg Molotow