Nach der Vorband Small Feet war der Merchandise-Stand fast durchgehend unbesetzt. So speziell wars gestern. Speziell waren auch die vielen Leute, die um mich herum standen, ganz ganz hinten, wo ich mich unbeteiligt hinstellte, und wo die hintersten Reihen der mindestens 150 Gäste teilweise noch weniger sahen, als ich selbst. Sind das vielleicht jene treuen Fans, die Rebekka Karijords Arbeit schon seit Jahren verfolgen und auch noch Spaß an ihren Konzerten entwickeln können, wenn sie hinter einer Säule stehen und aus Mangel an Sichtmöglichkeiten Richtung Toiletteneingänge gucken müssen? Ich glaube, ich höre sie leise mitsummen. Aber gut, man kann durchaus Spaß haben mit Karijord, der stimmgewaltigen, norwegisch-schwedischen Sing-Pausbacke, die in dem Moment, in dem ich das hier notiere, eine Song-Ansage macht, die mich merkwürdig kalt lässt. Entweder, weil ich mich grade auf meine Notizen konzentrieren will, oder weil ich mir eingestehen könnte, dass mich ihre Musik nicht zum Ticken bringt. Bin ich vielleicht tatsächlich nur für die Vorband hergekommen?

Ein merkwürdiges Gefühl von Isolation beschleicht mich. Ich ahnte schon vor dem Konzertabend, dass ich in diese Stimmung rutschen könnte, malte mir aber auch aus, dass man dann aus dieser Position ja nüchterner berichten könne von den Ereignissen. Mein Appetit galt also den Small Feet, meine Neugier der Dame danach.

Zu meiner Überraschung stehen Simon Stålhamrhe, Kopf der Small Feet, sowie sein Co-Vocalist anschließend auch bei Rebekka Karijord auf der Bühne. In gewisser Weise machen sie sich und ihrem Auftritt also selbst Konkurrenz. Gegen ihre eigene charmante Performance gehen sie mit opulenten, theatralischen Pop Nummer vor. Gegen ihre dezente Art mit dem markanten Biss, den Karijord ausstrahlt. Und ich schreibe “dezente Art”, weil die vorher (auch von mir) kolportierte Story, Stålhamrhe wäre ja eine ach so schüchtern-ängstliche Person, (“musste dolle überredet werden, seine erste EP aufzunehmen“), nicht so recht passen will zu seinem Auftreten. Mag er zwar nicht besonders extrovertiert sein, so quatschte er zwischen den Songs aber doch viel zu vergnügt und unbefangen, um bei mir als verschroben oder geheimnisvoll durchzugehen.

merch stand

Stålhamrhe erwähnte bei seinem Auftritt natürlich auch jene erste EP, die er kürzlich veröffentlicht hat. Man kann sie für fünf Euro am Merchandise-Stand kaufen. Am selben Merch-Stand, an dem ich nach dem Auftritt der Small Feet stehe und also auf die Möglichkeit warte, mit Stålhamrhe zu sprechen. Aber das ist offensichtlich unmöglich, hilft er ja grade wieder auf der Bühne aus. Damit stand für mich aber auch zur Debatte, ob es nicht durchaus möglich sei, eine EP unauffällig einzustecken, einfach so, um daheim aber damit vielleicht heraus zu finden, wie denn der viertletzt gespielte Song der Small Feet hieß. Dann würde ich den Song hier hervorheben können, da er wirklich wahnsinnig gut ist, eine ganz andere Seite der Band aufzeigt, viel Interessanteres zu bieten hat, als die Single “Liar behind the Sun”. Von 150 Leuten starren also 140 zur Bühne 9 zu den Toiletten und einer ununterbrochen auf den Merch-Stand. Und okay, ich habe die EP nicht gestohlen, herrje, auch wenn mich mit Sicherheit niemand aufgehalten hätte. Ich sagte mir: warte das Konzertende ab. Du wirst schon noch deine Möglichkeit bekommen, Fragen zu stellen.

Während Rebekka Karijord also performte und sich auch ganz schön anstrengt, “110% gibt”, wie man so sagt, da habe ich also genug Distanz, mir solche Diebstahlfantasien auszumalen. Ist das ein gutes Zeichen? Etwa der Nüchternheit meiner Distanz geschuldet?

Irgendwann schaue ich also doch wieder nach vorne: Karijord gibt immer noch 110 %, vielleicht mehr. Ihre Gestiken erinnern mich ans Wäscheaufhängen, ihre Prinzessinnenhaftigkeit aber ist eitel, wirkt auf mich verstellt. Und ihr Stimmeinsatz machte mich stutzig: sie hat eine wahnsinnig durchtrainierte Stimme. Was fehlt, ist jedoch die Überzeugungskraft, nicht wie jemand zu wirken, der nur wegen seiner Stimmkraft hier ist. Sie wirkt sich selbst genug, wie jemand, der vor dem Spiegel immer noch denkt, dass sei ja alles ganz schön toll, was “der liebe Gott” einem da beschert hat. Und wie die Songs so stattfinden, denke ich von mal zu mal mehr an: Florence + the Machine. Die könnte ich mir mal wieder hören. Und das da vorne das ist irgendwie nur so ein Hinweisschild auf die inzwischen weltberühmte Britin. In mache ein angestrengtes Gesicht und sage mir: wenn mit den nächsten zwei Songs etwas performt wird, das mich nicht ganz schrecklich an Florence erinnert, bleibe ich. Ich bleibe nicht. Es ist natürlich Schade um die Fragen, die ich den Small Feet hätte stellen wollen (ganz zu schweigen von der EP, die ich ja auch zurücklasse), aber ich will das hier grade einfach nicht mehr aushalten. Da vorne diese Glitzerveranstaltung, hier hinten die steifen Fans und in mir so eine unübliche Abneigung.

Bei meiner Flucht zum Ausgang trete ich dann einem verzückt glotzenden Herren versehentlich auf den Fuß. Er quiekt, faucht altmodisch “Aua!”, ich entgegne “Och Gott, war doch gar nicht so schlimm!” und meine damit leider nicht Rebekka Karijords Gig. Ich schätze, ich war wirklich nur für die Vorband da. Ein Jammer.