cocorosie tales of1

Das Schwesternpaar Casady – hauptsächlich unter dem Namen CocoRosie bekannt – war zu Beginn seiner musikalischen Karriere ein Genre-Exot. 2004 brachte es mit “La Maison de Mon Rêve” die passiv-aggressive Artifizität zurück in den Raum zwischen DIY-Indie-Pop und Avantgarde, wir nannten es New Weird America. Sie waren Kinderzimmer-Figuren mit ihrem Plastikspielzeug-Klingklang. Aber diese waren sie immer nur so lange, so lange sie nicht zu sehr abdrifteten ins Reich des all zu Abstrusen. Auf gewisse Art waren CocoRosie damals pflegeleicht und vor allem Mix-CD tauglich. 2004 flüsterte die latente Weirdness also schon durch sämtliche Kanäle CocoRosies: Instrumentierung, Lo-Fi Sound, Lyrics, Noise-Sprenkler und nicht zuletzt die Schlafzimmer-Vocals. Nach “La Maison de Mon Rêve” kam das experimentellere “Noah’s Ark” (2005) und damit zur Überraschung vieler auch schleichend der Erfolg. Spätestens 2010 dann war mit “Grey Oceans” (Sub Pop Records), der Durchbruch gelungen, stellt der Vorgänger zum nun vorliegenden fünften Studioalbum doch eigentlich den bisherigen Höhepunkt in der Discography von CocoRosie dar.

Ich muss gestehen, ich habe “Grey Oceans” erst vor wenigen Wochen zum ersten Mal gehört. Und ich dachte dabei, dass ich es zu Zeiten seiner Veröffentlichung wirklich geschätz hätte. Das war also 2010. Daneben erschienen Sufjan Stevens “The Age Of Adz“, Janelle Monáes “The ArchAndroid“, Arcade Fires “The Suburbs” und Joanna Newsoms “Have One On Me“. Ja, ich werde wirklich nicht müde, das Jahr 2010 und seine bedeutenden Alben hervorzuheben. Denn in Anbetracht dieser Brocken war es schon wahrscheinlicher, dass CocoRosie unter so manchen Tisch fallen mussten. (Das Platten Cover Design trug vermutlich seinen Teil dazu bei.) CocoRosie passten nicht ins Jahr 2010 und manche könnten behaupten, sie verpassten damit den Startschuss ins neue Jahrzehnt – selbst wenn der Schlusstrack damals “Here I Come” hieß.

Wie passen sie nun ins Jahr 2013? Ich bin unglücklich mit diesem Album. Ja, obwohl “Tales Of A GrassWidow” bisher fast durchweg gute Kritiken erhielt, halte ich es für einen deutlichen Rückschritt in der Laufbahn des Duos.

“Tales Of A GrassWidow” handelt und singt vom Fremdsein in einer planierten Welt – mal wieder. Seine ProtagonistInnen versprechen sich an Tiere und Baumwipfel, an Ideale und die Unbestimmtheit, aber nie an diese anderen Menschen da – andere Menschen wären schließlich zu konkret. Doch wo noch die alte Welt von CocoRosie ein Schutzraum war, der bis zum 2007er Album “The Adventures Of Ghosthorse And Stillborn” funktionierte, scheinen sie mit den vergleichsweise geradlinigen Songs auf “Grey Oceans” und nun auch auf “Tales Of A GrassWidow” das alte CocoRosie-Paradies heimlich aber endgültig losgeworden zu sein. Was sich auf “Grey Oceans” also schon abzeichnete und seinerzeit einige vor den Kopf stieß, wird mit dieser Veröffentlichung fortgeführt: Songs, die den Schweiß des Pop aufsaugen, Songs, die sich immer auch etwas anbiedern, um zu gefallen, aber neu: Songs, die an Mut verloren haben. Album “Tales” ist ein weiterer Schritt in die Bestimmtheit, einer jedoch, der 2013 so selbstsicher wie schlaff daher kommt. Das New Weird America ist alt geworden.

cocorosie tales of2

So gefügig wie heute, waren die Casady Schwestern noch nie. Songs wie “Tears For Animals” oder “After The Afterlife”, eigentlich als Vorzeigesongs geplant, langweilen mit ihrer Poliertheit und betulichen Wucht. Ersterer vermag es zusätzlich sogar, nach nur wenigen Durchläufen immens an den Nerven zu nagen. So wiederholt Gastsänger Anthony Hegarty hier die einzige Refrainzeile “Do you have love for humankind?” auf 5:18 ganze 22 mal. Bei einer solchen Impertinenz muss sich selbst der größte Philanthrop seiner Antwort unsicher werden. So sorgen CocoRosie wie hier oder auch im Song “Broken Chariot” zwar immer noch für etwas Verwirrung, aber es ist eine, die statt weird zu sein vor allem awkward also peinlich ist.

Als Parodie ihrer Selbst domestizieren sich CocoRosie auf Tales Of A GrassWidow”, und ihre alten Fans gleich mit. Man will die Casadys streicheln und sagen, “Jaja, jetzt seid ihr ganz und gar eingegliedert in die ernste Gesellschaft der Indie-Fürsten und Fürstinnen!” Dass sie trotzdem noch vom fernen Welten und Maiglöckchen singen dürfen, ist dann wohl unserem verwöhnten Überfluss geschuldet, mit dem wir freigiebig und schulterzuckend auch noch den größten Narren ihren Spaß lassen.

“Tales Of The GrassWidow” ist in seinen kühneren Momenten interessant (bspw. “Harmless Monster”), und in seinen bescheidensten Momenten langatmiger Popversuch. So klingen plötzliche Konsens-Platten von sonst begnadeten KünstlerInnen aber ja oft. Willkommen in der Mitte.

Wertung von 10:

5von10-klein



[youtube id=”n25172VewNk” mode=”normal” align=”center”]