ceremony hausswolff 1

Eins vorweg: so plump-euphorisch, wie Motor.de über die Anna von Hausswolff Deutschland-Veröffentlichung schrieb, wird es bei mir hier nicht werden (Zitat: “Einfach gut.“, “Einfach nur schön.“, “Schöne Produktion.“, “Top.“, blabla. Wer will den sowas lesen!)

Mich treibt dieses Album, welches 2012 schon in Hausswolffs Heimatland Schweden erschien, in ganz andere Winkel der Euphorie. Auf über Sechzig Minuten Länge atmet “Ceremony” kirchlich anmutenden Orgelbombast. Scheppert und schliert, wringt und schöpft seinen Geist aus gotischen Gedanken, aus leeren Hallen, die hier der musikalischen Anbetung irgendeines Größeren zugedacht sind. Anna von Hausswolff ist eine Priesterin, vielleicht sogar eine abseitige Irre, bestimmt aber ein Glücksfall. Und wann behauptet man das heutzutage schon noch über sakral anmutendes? Auch wenn ihre Soundwahl (oder: Soundwall) nur zufällig all die Kirchen-Assoziationen hervorrufen sollte (weil die europäische Kirche eben zufällig als erste merkte, dass die Orgel für ihre Zwecke ein geiles Instrument ist), so klingt sie damit halt trotzdem und immer wieder so fern von unserer Lebenswirklichkeit, dass sie verblüffen muss. Die Kombination aus Orgel, Stimmorgan und Indie-Appeal ist dann eben doch zu abgefahren. Auch für das hier zuständige Label City Slang.

“Ceremony” treibt in erster Linie ins Schwelgerische, ins herrisch Behütete. In zweiter Linie aber sofort und unaufhörlich in die Auseinandersetzung mit der kirchlichen Vergangenheit des Hörers. In seiner Funktion als chiffriert-provozierendes Erweckungserlebnis wirft dieses Album jede Menge Fragen auf. Wie zum Beispiel: Was sind meine Erfahrungen mit den Kirchen-Clubs dieser Welt? Wie fühlte es sich damals eigentlich an, sonntags in die Kirche zu gehen/gegangen zu werden? Was war schon früher irgendwie strange an der Liturgie der Kirche und welche Schlüsselerlebnisse brannten sich dadurch ein? Was musste man folgern über den ewigen Kirchen-Soundtrack, wenn man morgens in Zeitlupe “Kyrie, eleison” sang und nachmittags “I’m Mr. Boombastic say me fantastic“? Waren die Moderatoren der Viva Chart Show vielleicht vom Teufel besessen? Und ist Anna von Hausswolff damit eine späte Gesandte des Herren?

ceremony hausswolff 2

Dieses Album begeistert. Aber begeistert es nur uns post-religiösen Internethuren? Ich glaube, Hausswolff trifft nur deshalb ins Schwarze meiner Nichtgläubigkeit, weil sie sirenenhaft zurück in längst verlassene Gebäude winkt. So wie in Detroit die Michigan Central Station zur Neubesichtigung verführt, so verführt “Ceremony” zurück in die leeren Kirchen unserer Städte. Und so wagte ich den Versuch, mit diesem Album auf den Ohren eine Kirche in meiner Umgebung aufzusuchen. Ich fand keine gotische, aber ich fand eine, die in etwa so ausgestorben war, wie Kirchen in meiner Fantasie immer sind. Ich wandelte umher zu herausragenden Songs wie “Funeral For My Future Children”, “Ocean” oder auch dem Opener “Epitaph Of Theodor”…und irgendwas passierte mit mir. Ich glaube ich hatte so einen Fabelhafte-Welt-der-Amelie-Moment: plötzlich gaben die Dinge neuen Sinn. Es schmeckte die kühle Luft, es gefielen die biederen Bankreihen in ihrer Symmetrie und unaufhörlichen Treue, es glänzte der Prunk über seinen Prunk hinaus, apollinische Zärtlichkeiten, glückselige Zeitreise in die eigene Kindheit. Für einen Moment war ich gefangen in einem Abenteuer, gefangen in einem Abenteuerfilm. Der Soundtrack kam von Hausswolff. Aber ich wusste schnell, ich war in einem Film, den diese Kirche hier alleine nicht produzieren könnte. Ich war die Kirche. Ich war ihr Regisseur. Ja, kurz war ich wieder Mr. Boombastic.

Nach einiger Zeit verließ ich das Gebäude wieder. Merkwürdig zufrieden – aber nicht bekehrt. Ich sprang dem lieben Gott dann doch wieder von der Schippe. Aber wenn ich für diesen einen Moment auch nur kurz Nostalgiker war, will das schon was heißen. Die Hausswolff nun aber begleitet mich immernoch auf meinen Wegen durch die Stadt. Und manchmal denke ich, sie würde dabei hintertückisch ein Band zwischen Kirche und mir unsichtbar straff halten.

Vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Und vielleicht ist das hier ein Album, das eben ein bisschen irre ist. So irre wie Priester eben sind, weil sie jeden Tag meinen Amelie-Moment empfinden müssten, um dem Korsett ihres Arbeitgebers nicht entfliehen zu wollen.

Ich schulde Anna was. Ich schulde ihr meine Geschichten von damals. Und sie schuldet mir jetzt vielleicht Antworten. “Ceremony” ist ein beglückendes Album. Eine Offenbarung vor allem für Nichtgläubige.

9von10-klein

 

“Ceremony” erscheint am 14.06.13 unter anderem auch als Doppel LP.

Das Album kann man bei The Quietus ab sofort komplett im Stream hören!

Anstehende Deutschland Live Termine:
10.08. Haldern – Haldern Pop Festival
27.09. Hamburg – Reeperbahnfestival
03.10. Heidelberg – Enjoy Jazz Festival

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