jackleg devional1

Schon mal das Album einer Texanischen Band gehört, das klingt, als käme sie aus Schweden? Hier kommt deine Chance. Nach zehnjähriger Pause bringen The Baptist Generals ihr drittes Werk auf den Weg, “Jackleg Devotional To The Heart”. Vielleicht war es der Albumname, der mich anfänglich so befremdete (Urban Dictionary hilft da weiter), vielleicht war es dieses Schweden-Komplott-Ding. Aber ich tat und tue mich schwer mit diesem, naja, Comeback-Album. Und ich glaube, das liegt an einem dritten Umstand.

Aber zuerst ein mal: The Baptist Generals liefern einen “claustrophobic take on drunken folk”. So steht es im Presseschreiben und so lasse ich das auch einfachheitshalber durchgehen. Wo aber die zwei Opener “Machine En Prolepsis” und jedermanns Album-Liebling “Dog that bit You” noch in rockistisch geschnalzter Rotzfolk-Manier daher kommen, macht das Album daraufhin eine, nein, gleich mehrere merkwürdige Kehrtwenden. Denn auch wenn die folgenden Songs sich merklich auf die Akustikgitarre konzentrieren oder zumindest immer wieder zu ihr zurück kehren wollen, nehmen The Baptist Generals gern mal Reißaus von den von ihnen gelegten Pfaden. Dies nun aber nicht unbedingt zu ihrem Vorteil. Exemplarisch will ich das an den zwei Songs “My O My” und “Oblivion” darstellen. Anders als die zwei Opener und anders als die dann restlichen acht Songs auf dem Album wollen sie durch ein schrittweises Aufbäumen funktionieren. Ein Aufbäumen gen…ja, gen was eigentlich?

In beiden Songs hört man gegen Ende dicht gedrängt an Frontmann Chris Flemmons’ exaltierten Gesang jene Sorte pathetisch-kochende Drama-Attitüde, die selten überhaupt irgendwo rein passen will. Ein anbrausendes Tamtam wie aus dem Nichts, ein vorhersehbarer Überfall. Aber ich will es mal konkret am Beispiel “My O My” verdeutlichen: Der Song beginnt mit einem irritierenden Violin-Intro. Dann zurückhaltende Gitarre und Gesang (0:45). Dann setzt der Bass ein (1:12). Dann ganz vorsichtig das Schlagzeug und wieder das Violin-Thema (1:35). Dann kommt ganz hinten eine verträumte E-Gitarre dazu (1:55), die auch noch ein auffällig langes Solo schnattern darf (2:20 – 3:00). Dann mehr Streicher und bisschen lauter auch (3:00). Und ab 3:35 und bis Songende bei Minute 5:24 (!) folgen die Worte “My O My”, ewig und ewig wiederholt. Natürlich auch von einem Background-Chor unterstützt. Ein Song wie eine Dramaqueen und damit ehrlich gesagt fast schon peinlich. Song “Oblivion” funktioniert übrigens nach fast dem gleichen Muster.

jackleg devional2

Jetzt war es von Band und/oder Produzenten eben Absicht, dieserlei Make Up aufzulegen. Okay. Aber was will dieses Album eigentlich sein? Es bietet, wie anfangs beschrieben, catchy und gleichzeitig interessante Folk-Rock Nummern, dann jede Menge softe Zwischen-Songs (darunter übrigens das zweite und eher letzte Highlight des Albums: “Snow On The Fm”), dann jene zwei überpathetischen Ausreißer, dann das anstrengende “Floating”, das in seinen ersten anderthalb Minuten eher anstrengenden Krach als interessanten Noise auftischt und vor mir jedes Mal geskippt wird. Und dann gibt es zuallerletzt noch den Song “Oblivion Overture”. Fast ein Hohn, einen der beiden Drama-Songs nochmal hervor zu holen, ganz nach dem Motto: “Nee nee, wir haben das mit dem Bombast noch nicht ausreichend durch dekliniert!”. Was nun also folgt, ist das diesmal von Streichern, Posaunen und Tubas vertonte “Oblivion”-Thema, dazu Flemmons Gesang weit im Hintergrund, im hintersten Teil der Bühne, weit entfernt vom Orchestergraben. Man denkt an feine Leute, an die Oper, an den Freischütz vielleicht oder auch an High School-Playback-Aufführungen, man denkt daran, dass Chris Flemmons vielleicht zum Theater gehen sollte, wenns mit diesem Comeback-Album nichts werden sollte und man denkt an den Stopp-Knopf.

Mein anfänglicher Schweden-Vergleich rührt übrigens nicht zuletzt daher, dass Flemmons gar nicht mit amerikanisch-englischem Stimmklang singt. Es klingt eher nach europäischem Englisch. Zusätzlich klingt es nach europäischem Laissez-faire, nach skandinavischer Berechnung, nach Melancholie des Wetters wegen, nach so vielem Gewohnten klingt er. Aber wirken tut er nach allem wie ein Musiker aus Denton, Texas, der ein bisschen eine Dramaqueen ist und ansonsten eben gerne komplex experimentiert. Für Amerikaner mag das exotisch klingen. Auf meiner Landkarte jedoch taucht die Band erstmal nicht mehr auf…

Wertung von 10:

5von10-klein