monti fiori poster

Bis vor gestern war ich noch nie im Berliner Szimpla Badehaus. Ich war mal im Original Szimpla Club in Budapest. Damals, 2009, brachte mich ein Budapester Freund dorthin und ich war auf einen Schlag überzeugt davon, den allergroßartigsten Club Europas gefunden zu haben. Ruin Pubs nennen sie das Konzept in Ungarn. Inzwischen jedoch wird das Szimpla in Budapest zu 80% von Touristen besucht. Womöglich auch, weil es irgendwann mit einer bittersüßen Lonely Planet-Erwähnung berühmt und damit unhipp wurde. Ich jedenfalls gehörte damals wohl zur ersten Touristen-Generation, die sich dort hinlotsen ließ. Pionierhaft vertrieb ich die Ungarn aus dem schönsten Club ihrer Nation. Sorry, lieber ungarischer Hipster!

Und da der gleiche Freund aus Budapest gerade zufällig in Berlin ist, fand ich es nur logisch, mit dem Besuch des Berliner Szimpla eine Reminiszenz zu unseren alten Tagen zu provozieren. Die Zeichen des Abends standen also auf Glücksversprechen. Und das Konzert von Monti Fiori und The Apples konnte gar nicht schiefgehen. Eigentlich.

Wir betraten also das Szimpla. Bier gekauft, Location abgelaufen, Leute angeguckt, das alles mit Budapest verglichen, er findet “Ähnlich aber viel kleiner”, ich finde “Das Bier schmeckt komisch”. Dann also den Geschmack des tschechischen, gezapften Bieres diskutiert, Pálinka, den ungarischen Nationalschnaps, auf der Karte entdeckt, darüber gelacht, weil mein Freund mir gestern eine ganze Flasche hausgemachten Pálinka als Gastgeschenk mitbrachte. Den überteuerten Kurzen kaufen hier bestimmt nur ganz Verzweifelte. Auf der Herrentoilette sucht jemand per Aushang einen Deutsch-Ungarisch-Tandempartner. Statt Telefonnummer gibt er einen QR Code mit an. Fancy Berlin. Dann draußen erst mal eine rauchen, Konzertbeginn dauert wohl noch. Mit Glas darfst du hier aber nicht raus weil Gefahr und so. Also Bier bitte umschütten in einen Plastikbecher. Was beim Umschütten nicht auf dem Boden landet, verwandelt sich im Becher zu Schaum. Der Türsteher-Typ, der uns die Becher gab, grinst. Ich grinse nicht. Mein Freund fängt gar nicht erst an, sein Bier umzuschütten. Lassen wir das mit dem Rauchen also. Zurück zur Bühne, mit einem halb leeren Glas und einem vollen Becher Schaum in der Hand. Der Abend beginnt. Und er beginnt mit einem Kanonenschlag.

Es treten Monti Fiori auf, die israelische Band, die sich auf das 50er und 60er Italo-Pop-Rock Genre spezialisiert hat. Und diese obskure Spezialisierung beinhaltet Bühnenoutfits, Songs über Pasta, Liebe und schöne Frauen, Ansagen in italienischem Fake-Akzent, dazu Frontmann Itamar Fintzi’s passender Schnauzer und Goldkette unter offenem Hemd, das Jackett wird er schon früh los, wirft es, wie ein echter Macho es tun muss, hinter sich, springt ins Publikum und wieder zurück auf die Bühne, die nächste Tanznummer beginnt, das Publikum schwitzt schon, Fintzi flirtet mit Bassistin Or, die flirtet lieber mit Keyboarder Omri, der gibt ihr Feuer, sie raucht wie auf den alten Pin Up Girl Motiven, sie sieht sowieso aus wie ein fleischgewordenes Pin Up Girl, roter Lippenstift, Hochsteckfrisur, ihre Schönheit ist so klassisch, sie zieht mich so magisch an, wie das Klischee, das es erfüllen will, dann ein Rock’n’Roll Standard, der Drummer lächelt, es beginnt eine Polonaise im Publikum, die Frontmann Itamar anstößt, zurück zur Bühne, alle tanzen und schwitzen, es fühlt sich an, als seien wir grade mal beim dritten Song angekommen, alles ist so hektisch und aufgeladen, die nächste Tanznummer, jeder bewegt sich, die Schöne sagt was, singt, quiekt, lächelt zufrieden, wir lächeln verlegen zurück, nein, ich lächele verlegen zurück, natürlich sieht sie mich nicht, dann ist Itamar wieder im Publikum, er bahnt sich eine Schneise durch die ersten Reihen, stellt sich auf Stühle, treibt an, die Band poltert im Hintergrund, Bewegung, Bewegung, die Schöne im Vordergrund, Itamar jetzt direkt neben mir, fällt auf die Knie, das passt an der Stelle auch irgendwie zum Song, dann zurück nach vorn geprescht, das Mikrokabel verheddert sich zwischen Beinen, dann noch ein Song und noch ein Song, wir sollen einen Kreis bilden, uns an den Schultern des Nächsten fassen, und dann tanzen wir so etwas, wie die italienisch-israelische Form des Sirtaki, noch eine Runde und noch eine Runde, ein Bein nach links, das andere nach rechts, wir lachen und tanzen, Itamar natürlich immer mitten unter uns. Er ist der Funke.

Und ich schaue zur Schönen wie sie lächelt, sich das Spektakel von da oben selbst gefallen lässt, dann schaue ich in die Augen meines Freundes aus Budapest, an dessen Schulter ich mich festhalte und ich denke, wie gut es ist, dass wir uns kennen. Es guckt glücklich zurück. Vielleicht denkt er das gleiche.

Natürlich war der Auftritt von Monti Fiori viel zu kurz. Und wenn ich ehrlich bin, habe ich mir später gewünscht, dass The Apples, ebenfalls eine Band aus Israel, heute nur der Support gewesen wären. Mit ihr folgt nämlich die bekannte neunköpfige Band, die ihre groovigen Jazz-Funk-Nummern rein instrumental performen, mit Bläsern, zwei DJs, live Drums. Eine Band für den Strand. Das Publikum war natürlich extrem aufgeheizt, wurde dann aber, wie ich finde, etwas gedämpft. Nun, The Apples wurden ihrem Ruf nicht gerecht. Natürlich waren einige sehr kraftvolle Songs dabei (ihr berühmtes “Killing In The Name Of”-Cover vielleicht), aber letztlich fühlt es sich für mich an, als höre man einem langen Film-Soundtrack zu, der nicht mal unweigerlich zum Tanzen anregt. Mir fehlten Höhepunkte.

Also lassen wir das. Mein Herz gehört heute Abend ohnehin schon Monti Fiori und seiner Bassistin. Ich sehe sie später noch kurz bei The Apples, ich starre sie an und hoffe, sie erwischt mich nicht dabei, sie steht da mit ihrem Freund und verzieht sich schnell wieder mit ihm in den Backstagebereich, vielleicht mag sie die Apples ja auch nicht, das wäre eine Gemeinsamkeit zwischen uns. In dem Moment aber zieht mir mein Freund aus Budapest am Ärmel, sagt “Lass uns gehen”. Er hat Recht. So verschwinden wir aus dem Szimpla Badehaus. Zu Hause trinken wir dann Pálinka. Und wir stoßen an auf die Freundschaft. Die hausgemachte, versteht sich.