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Wenn ich den Platz bei mir um die Ecke kreuze, sehe ich wiederkehrende Gesichter. Und die gehören zu Menschen, die die deutsche Mehrheitsgesellschaft vor langer Zeit falsch gelernt hat, “Zigeuner” zu nennen. Nicht mal “Sinti und Roma” dürfte richtig sein. Denn vielleicht sinds Deutsch-Bulgaren, vielleicht Deutsch-Albaner, vielleicht Deutsche, oder Ungarn, oder eben Staatenlose. Da wo ich wohne, ist das ganz normal und ein bisschen egal ist es auch.

Heute erst da fiel mir auf, dass es da ein paar Menschen auf diesem Platz gibt, die ich wirklich täglich dort sehe, morgens schon. Draußen ist es zur Zeit warm. Warum also in der warmen Bude sitzen? Total verständlich. Und die hängen da also rum und haben so ihre Sorgen und ihre guten wie schlechten Launen und ich gehe so meine Wege und habe auch so meine Sorgen und meine guten und schlechten Launen. Aber heute dachte ich zusätzlich noch: ich will auch zu der Randgruppe gehören, die hier oft rumhängt. Ich will auch auffallen und so aussehen, als würde ich gammeln und so. Ich wäre gerne wie sie. Ich wäre auch gern das, was man an ihrem Beispiel die neue Version des Großstadtpunks nennen könnte. Unangepasste.

So gesehen sind Szenen dieses öffentlichen Platzes also auch interessante Kulissen. Kulissen vielleicht für ein Punk-Rock Video. Und weiter noch: vielleicht auch für ein dreckiges Stoner-Rock-Video. Mit Bildmotiven ganz real am Asphalt. Damit sind jetzt aber nicht diese öden, bedauernden Gutmensch-Anprangereien und “Schaut, wie schlecht es diesen Menschen geht!!”-Momente gemeint. Nein. Stelle ich mir das Treiben auf diesem Platz nämlich in einem Stoner-Rock-Video vor, will ich es anders aussehen lassen. “Cool” zum Beispiel.

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Eine Band wie The Flying Eyes könnte den Video-Soundtrack liefern für dieserlei Ästhetisierungsfantasien. Ich könnte mich also morgen für die Dauer von 45 Minuten (Albumlänge) an diesen Platz setzen und mir einzelne Momente als Szenen des nächsten The Flying Eyes-Videos vorstellen. Ich könnte hier heimlicher Filmer sein. Die Handkamera verwenden und später dann mit Zeitlupen- , Sepia- und Zoom-Effekten das ganze verfeinern. Nahaufnahmen von Gesichtern, mal grinsende, mal mürrische, öfters einfach neutrale. Ich könnte natürlich auch Hallo sagen gehen, fragen, wie es so geht und ihnen Album “Lowlands” gleich selbst zum Hören geben. Und ich würde verschwimmen mit diesen Leuten und ihrem Tag.

Und schließlich würde ich aus all dem, was nämlich Gruppen wie Monster Magnet, Soundgarden, Nick Cave, Queens Of The Stone Age, King Crimson, Mountain und Motörhead an ästhetischen Prismen in unsere Kultur und auch in den Sound von The Flying Eyes rammten, an diesem Ort neu aushandeln. The Flying Eyes wären meine Advokaten. Sie wären die Spachtelmasse eines Versuches, der münden könnte in der ersten Posse aus Roma-Rockern. Natürlich haben die Leute auf dem Platz auch den Rock in sich. Sie sind schließlich die neuen Punks. Sie sind die Unangepassten. Die echten Stars des Undergrounds.

Auf Album “Lowlands” würden sich einige Songs für meinen Versuch eignen. “Smile” z.B. oder “Alive In Time”. Oder auch “Under Iron Feet”, auch wenn der schon ein offizielles Video hat (siehe unten). Fest steht jedenfalls, dass diese Gruppe aus Baltimore auf ihrem dritten Album mehrmals wagt, sich in den verwegeneren Randzonen des Populären aufzuhalten.

Aber was rede ich. Morgen werde ich wieder an diesem Platz vorbei kommen. Ich werde an meine Worte hier denken und dann zu mir sagen: Lass die Neo-Punks allein, du gehörst ja doch nicht zu ihnen. Ist schon okay. Und dann werde ich rüberlächeln und die Musik auf meinen Ohren lauter machen. Album “Lowlands” natürlich. Die Bilder des unfertigen Videos würden mir in den Kopf schießen und ich hörte die anderen schon schimpfen, was so ein Video denn solle und wieso man diese Menschen zu sowas instrumentalisieren muss. Nun, Dinge, die der Mensch ästhetisiert, haben die Neigung, sich zu vermehren. Was aber, wenn wir “den Zigeuner” ästhetisieren? Wir haben Angst vor dem Resultat. Ich verstehe das. Und ich verstehe dieses Album. Es ist ein gutes Album. Deshalb ästhetisiere ich dessen Inhalt hiermit ja. Und dass Kunst oft am Besten durch die Randgruppen unserer Gesellschaft entsteht, ist auch kein großes Geheimnis.

Wertung von 10:


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Tour läuft seit wenigen Tagen und besteht aus wahnwitzigen 50 Terminen in nur 2 Monaten. Die Liste findest du hier!