icky blossoms cover1

Schwarzweiß-Flecken auf der Iris, Club-Temperaturen, an denen man sich schneiden könnte, dazu Löcher auf Strumpfhosen, die keine 12 Stunden alt sind und ein Freundeskreis, der verpflichtet. Willkommen auf dem Debüt der Icky Blossoms.

 Icky Blossoms, das ist ein Trio aus dem Dunstkreis jener Omaha-Klitsche, die berühmt wurde durch ihr US-amerikanisches Proto-Neofolk Kollektiv und dessen The-Next-Dylan-Guru Conor Oberst. Und es schien damals in Zeiten von MySpace und Irak-Krieg, als stapelte sich eine dem Einsturz nahe Bandpyramide an diesem kleinen Flecken Erde, der außergewöhnlich viel Sonne abbekam: am Saddle Creek. Was ist geblieben? Cursive/The Good Life etwa. Oder Maria Taylor/Azure Ray. Mit gutem Willen noch The Faint und, naja, Bright Eyes eben.

In der Lawine aber, die die Saddle Creek-Sonne los schmelzte, purzelten noch so einige andere Bands zu uns ins Tal hinab. Darunter zum Beispiel Tilly And The Wall, welche 2004 Obersts persönlichem Label Team Love als Flaggschiff dienten – ein kleiner Ritterschlag für die damalige Zeit. Und erinnert sich noch wer an diese Band? Was it any good? Hervorstechendstes Merkmal waren damals diese Stepptänzerinnen, die die Drum-Section ersetzten. Der Rest war leicht zuckriger Folk-Pop. Ihr letztes Album aber (“Heavy Mood”, 2012) war anders. Es war aggressiv, dezent elektronisch-tanzbar, nicht clubbig zwar, aber die Stepptänzerinnen waren fast vergessen. Es deutete sich eine neue Wurfrichtung an.

Derek Pressnall, jahrelanges Mitglied von Tilly And The Wall, wird daran nicht wenig mitverantwortlich gewesen sein. Er ist nun also auch Teil der Neuformation Icky Blossoms. Desweiteren wären da Sarah Bohlig, Co-Gesang/Synths und Nik Fackler (übrigens der Jungspund Fackler, der 2008 den rührenden Indie-Kinoerfolg “Still, lovely” lieferte!). Zu dritt jetzt also diese Combo, irgendwo zwischen Nebenprojekt und Leidenschaft. Und ein bisschen arty wirkt es ja schon, plus ein bisschen städtische Attitüde, plus ein bisschen #yolo. Und bei welchem Label läuft sowas heute? Genau. Bei Saddle Creek.

icky blossoms cover2

Icky Blossoms liefern, was Tilly And The Wall nicht so recht konnten und sollten: viel Club, viel Synth-Pop, viel Muskelkater und teure Energy-Drinks. Denn wenn selbst die langsamen Nummer des Albums nicht so recht als obligatorische Balladen funktionieren wollen, sondern sich viel mehr einfach nur zum Runterkommen eigenen und damit auch nicht zufällig ganz am Ende des Albums platziert sind, ja dann ist doch einiges gesagt. Die Message scheint zu lauten: let’s be arty and dance to it. Von mir aus. Ein gewisses Problem gibt es da aber doch noch.

Denn so wirklich arty ist das hier alles nun auch wieder nicht. Ein wenig Selbstüberschätzung ist schon dabei. So werden Tracks wie “Babes” produziert, mit dem kühlen Sprechgesang von Sarah Bohlig unterlegt, die so sexy wie lässig die Zeilen haucht “with four inch heels, air brushed nails, at the club, a killer babe / back and forth, on the stage, couldn’t keep my eyes off, that killer babe”. Was hier aber ein bisschen auf frivol bis oberabgeklärte Tween-Erfahrung gebürstet ist, hieß früher “Emanuelle” und lief im Sat1 Nachtprogramm. Statt arty also artig? Das fragt man sich jedenfalls an mehreren Stellen des Albums.

 Was bleibt nun abseits aller Schönschrift-Synthies und Tanz-Imperative? Das Konzept namens Naivität kaufe ich der Band nicht ganz ab. Dazu ist allein Pressnall zu lange im Geschäft. Dass dieses Album sehr bewusst an eher größeres Publikum gerichtet ist, glaube ich schon eher. Tilly And The Wall versuchten ähnliches auf “Heavy Mood” und erhielten von vielen Kritikern den Stempel, vor dem sich Indie-Bands so fürchten: Mittelmäßigkeit. Die Icky Blossoms genießen heute zumindest noch das Privileg, dank ihres zeitgenössischen Sounds vorne mit stehen zu dürfen. Und auch dass hier einige alte Kontakte aktiviert wurden, um das Album zumindest in den Staaten nur ein Jahr nach Bandgründung veröffentlichen zu können, scheint hilfreich gewesen zu sein. Ich aber bin skeptisch, komme grade wieder etwas unbefriedigt runter vom Eindruck dieses Albums. Und ich fürchte, den Icky Blossoms steht das auch noch bevor.

Wertung von 10 gerissenen Strumpfhosen:
6von10-klein
[youtube id=”vWA2VyB9w5g” mode=”normal” align=”center”]