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Als ich hier vor einiger Zeit das Album von Anna von Hausswolff besprach, da habe ich mit dem Namen Julianna Barwick nicht viel verbunden. Und stand ich damals noch ganz unter dem Eindruck des Hausswolffschen post-sakralen Orgelsounds, diesem grollenden Gebell aus Kirchenhallen und Halleffekt, so befinde ich mich mit Album “Nepenthe” schon wieder im gefühlten Dunstkreis der Kirche. Doch was will ich diesmal hier?

Heute also nimmt mich Julianna Barwick, eine aus dem Bible Belt stammende, heute in Brooklyn lebende Musikerin, bei der Hand Richtung Metaphysik. Seit spätestens 2009 (EP “Florine”), so scheint es, spielt sie mit dem Gedanken, die Melodie und den Minimalismus endgültig zu versöhnen. Oder aber beides aus seinen Angeln zu heben. Und eins vorweg: wer schon bei Standardrepertoire ála Sigur Rós wegschaltet, ist auch hier weiß Gott falsch aufgehoben – sollte aber trotzdem zu Ende lesen.

Barwicks Hauptinstrumente sind nach wie vor ihre Stimme und die Verfremdung, ist das ins Endlose Verlängern von Vokalen. Dünne Vokale, die sich frühestens beim dritten Hören zu Worten verwandeln können, und die vorher viel mehr als Summen und als Scharren verstanden werden. Vokale, die mit koketter Gemächlichkeit und Weite heran rufen. Sirenen der Marke Androgyn, geisterhaft. In der Summe gewiss kein Gebell. Eher ein Zitieren jenes Ortes, an dem du dich gerade nicht befindest.

“Nepenthe”, das sind Field Recordings aus einer Kirche, ja, aber aus einer anderen als der von Hausswolff. Es sind Field Recordings vielleicht aus der Öffnung des Pantheon, da, wo nie jemand ist. Oder Aufnahmen an dem Ort, an dem sich einst die Erzählung vom Licht verselbstständigte – metaphorisch gesprochen. Wo sich über Hausswolffs Dach noch der Wolkenbruch verschwörte, reißt Barwicks Himmel schon sehnsuchtsvoll auf. Das hier ist kein Allgemeinplatz mehr. Und auch kein Motiv der Romantik.

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Die scheinbar musikalische Isolation Barwicks erweist sich in der Praxis übrigens als Trugschluss. So half sie auf Sharon Van Ettens Album “Tramp” (2012) aus, wurde von Diplo geremixt, spielte mit den Dirty Projectors, Suuns, Andrew Bird und Esben And The Witch. Ihr Soloalbum “The Magic Place” ist schon zu wertvoll, um noch Geheimtipp genannt zu werden und wurde umringt von verschiedenen EPs, von denen besonders oben erwähntes “Florine” ans Herz zu legen ist. Album “Nepenthe” nun wurde in Island von Alex Somers (Sigur Rós) produziert und unter anderem mit der Hilfe eines Mädchenchors (“Forever”), des Streichquartetts Amiina (“Adventurer Of The Family”) und eines Gitarristen der Band múm verfeinert.

Es wurde zu einem Album des Schwelgens. Musik, zu der man alleine in Familienalben blättern will, sich zurückversetzt in das, was heute gewichtlos scheint. Oder aber man spaziert zur Barwicks Musik langsam auf langen Deichen entlang, bis man am Horizont eine Kirche erblickt, in der man unweigerlich beichten wird über all den substanzlosen Musikgenuss des Alltags und über all den Rest des Lebens auch. Es wäre ein Gespräch über die Zukunft. Eins mit offenem Ausgang vielleicht.

Viel mehr kann ich über dieses Album nicht sagen. Sollte das alles hier trotzdem nicht reichen, sich “Nepenthe” anzuhören, will ich hiermit dann die warnen, die meinem Text weiter oben ohnehin fast abgesprungen wären: das halbe Album “Nepenthe” lässt sich auch für atmosphärische Werbeclips von Altersversicherung bis Nikon Kamera verwenden. Und das weltweit. Seid also gefasst bei der nächsten Werbeunterbrechung! Denn eines ist diese Musik ganz bestimmt: grenzenlos. Ein bisschen wie der Weg zum Horizont und ein bisschen wie der Ort, an dem du dich gerade nicht befindest.

Wertung von 10:
9von10-klein