Man muss schon ein bisschen blind sein, um die Menschenschlange nicht zu sehen, die sich da vor dem FluxBau-Eingang entwickelt hat, und stattdessen erstmal hoch fährt zur FluxFM Büro-Etage im Nebengebäude. Wir, meine Begleitung und ich, jedenfalls sind so blind. Vielleicht aber auch einfach zu betrunken. Zumindest waren wir blind genug, den Abend mit einer Mischung aus Bier, Schnaps und Wein zu beginnen. Ja, wir brachten Heiterkeit mit. Lust auf Slut und Lust auf noch ein oder zwei Drinks auch.

Beste Voraussetzungen also für ein Wiedersehen mit einem alten Bekannten. Und wer hatte sie damals nicht, die Affäre mit dem Album “Nothing Will Go Wrong”, während zu Hause die Deftones und Placebo mit dem Abendessen warteten? But: something went wrong. Mittelmäßige Nachfolgealben, irritierende wie bewundernswerte Engagements im Brecht- und Juli Zeh-Universum und irgendwo dazwischen das Verschwinden vom Parkett.

Das neue Album “Alienation” nennt sich nun sogar Comeback-Album. Und dieses Event hier im FluxBau ist ein bisschen auch so was wie die Pressevorführung vor der Tour im Januar. Von mir aus. Denn dann passiert das: Slut betreten die Bühne, klassische Besetzung, volles Publikum, viel Applaus. Ich klatsche auch mal. Erster Song “Time Is Not A Remedy”. Super Einstieg. Man weiß, wo die Leute abzuholen sind. Ansage: “…uns gibt es jetzt seit 19 Jahren…” Glückwunsch. Dann ein neuer Song oder was mittelmäßiges aus der Mittelmaß-Phase, dann was von “Alienation”, geht so. Und dann ein Song – ich kannte ihn nicht – , den die Band und vor allem die Percussion-Section so dermaßen zerstört, dass ich etwas schockiert mit dem Gedanken spiele, mal kurz raus auf die Terrasse zu wollen.

Gedankenspiel zu Ende. Ich draußen. Toller Ausblick. Drinnen also die versammelte Presse-Sippe und die ganz großen Umsonst-Fans. Draußen mit mir ein einziger Typ. Den muss ich sofort fragen, warum zum Teufel er nicht drinnen beim Konzert ist. Er faselt irgendwas davon, die Begleitung seines Kumpels zu sein, der drinnen tanzt. Und sonst so? “Kenne Slut eigentlich nicht.” Dann erzählt er mir, wie cool er iTunes findet und guckt dabei vergnügt wie ein Viertklässler vor den Sommerferien. Sind gesunde Menschen langweilig? Von drinnen höre ich dumpf die Singleauskopplung des neuen Albums, “Next Big Thing”. Den Song mag ich. Und ich wollte schon wieder rein – mein Bier war immerhin inzwischen leer – , da hinderte mich der letzte Satz dieses Typen gleich wieder daran: “Seit dem Ende meines Studiums spielt Musik ja keine so wichtige Rolle mehr für mich.”

So was enttäuscht mich. Diese Form der Resignation, meine ich. Also muss ich sofort einen beglückenderen Menschen finden, ein Gegengewicht, zumal ein nächster Kerl, der sich in unsere Nähe gesellt, auf meine direkten Fragen fast überhaupt kein Wort rausbekommt. Weg also vom Soziopathen, weg vom Grundschüler, hin zur Dame am Terrassen-Ausgang. Die stellt sich schnell als Verlegerin der Band Slut heraus. Interessant. Warum sie nicht drinnen sei? Sie wollte mal eine rauchen. Wie sie das neue Album findet? Gut. Auf einer Skala von Eins bis Zehn? Sechs. Sie zündet sich eine neue Zigarette an. Drinnen läuft grade so ein Slut-Hit. Name vergessen. Publikum tobt. Sie: “Der Sound drinnen ist außerdem nicht so gut.” “Ja, stimmt schon. Aber hast du das vorhin mit dem zweiten Drummer mitbekommen? Wie der den Song vermasselt hat? Haben die den Song überhaupt mal geprobt!?” “Darf eine Band deiner Meinung nach denn keine Fehler auf der Bühne machen?” “Doch doch, aber es gibt halt putzige Fehler und es gibt peinliche Fehler. Und das vorhin war sehr peinlich.” Ob das neue Album dann ein putziger Fehler ist, frage ich aber nicht mehr laut.

Denn wir kommen nicht wirklich weiter miteinander, empfehlen uns zur Befriedung gegenseitig das kommende Arcade Fire Album und gehen wieder rein. Pünktlich zur Zugabe. Gespielt wird der Mackie Messer Song und “Easy To Love”. Zwei Hits also. Und ja, ich habe die meiste Zeit des Konzert damit verbracht, draußen Leute zu provozieren, ihnen zu zu hören oder mit ihnen zu streiten. Es war ein schöner Abend. Und ein Konzert aus letzter Reihe mit Glasfassade dazwischen kann auch ganz anregend sein.

Dann finde ich meine ursprüngliche Begleitung wieder. Sie sagt, es sei unglaublich gut gewesen und der Sänger Neuburger ein total süßer Typ. Und sie sagt, dass im Gegensatz zu Placebo und den Deftones die Band Slut heute wenigstens noch relevant sind. Wieder relevant, korrigiere ich und nehme mir vor, einen ihrer Januar-Auftritte zu besuchen und dem dann mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Bis dahin laufen Tracks des Albums bei FluxFM eh rauf und runter und wir werden schon irgendwie wieder Freunde werden. Alte Affären vergisst man nicht.

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Tourdaten:
11.01.2014 // Dresden – Beatpol*
12.01.2014 // Berlin – Lido*
13.01.2014 // Köln – Gebäude 9*
14.01.2014 // Frankfurt – Zoom*
20.01.2014 // A – Salzburg – Arge*
22.01.2014 // A – Innsbruck – Weekender*
23.01.2014 // A – Graz – Postgarage*
27.01.2014 // Erlangen – E-Werk*
28.01.2014 // Stuttgart – Schocken*
29.01.2014 // CH – Zürich – Rote Fabrik*
30.01.2014 // CH – Basel – Sommercasino*
31.01.2014 // München – Freiheiz*
* + And The Golden Choir