Misteur Valaire Cover

Es gibt also Bands, die sich mit ihrem Debüt Album hauptsächlich auf leichtfüßige Jazz-Skizzen einigen können und neun Jahre später dann bei ihrer vierten Studio-Veröffentlichung ein vollgeladenes und zutiefst beglückendes Elektro-Dance-Album veröffentlichen. Zugegeben, dieser Übergang benötigte unzählbare Live-Erfahrungen und zwei Alben, durch die man Gelegenheit hatte, den anfänglichen, schüchternen Hip-Hop- und Elektro-Einflüssen immer mehr Raum einzugestehen. Aber der Sprung zwischen Drittwerk Golden Bombay (2010) und aktuellem Bellevue ist nun beängstigend groß.

Misteur Valaire war schon früh eine Band, die sich ihrer Umwelt anpasste. Jazz läuft nicht so? Dann eben ‘ne Abwandlung ausprobieren. Keiner kauft mehr Alben? Dann werden die grundsätzlich kostenlos ins Netz gestellt (gilt übrigens auch für das aktuelle Album, siehe u.a. YouTube-Kanal). Internationale (Top-)Musiker zeigen Interesse an der Band? Dann werden die ins Studio eingeladen. Eines führt zum anderen. Und alles führte zu diesem groovenden Club-Monster.

Man kann sich jetzt zwei Dinge fragen. 1) Ist da jetzt doch noch irgendwo der Jazz vergraben? Und 2) wieso klingt das Ergebnis eigentlich so euro-französisch, so nach Pariser Elektro-Pop-Boheme? Nun, zu 1: kann ich erst nach 10jährigem Jazz-Studium beantworten, sorry.. Und zu 2: vielleicht sollte ich erwähnen, dass Misteur Valaire aus Montreal kommen. Und dass über die Hälfte der Montrealer offiziell französisch sprechen. Das wiederum könnte zu der Hypothese führen, dass das Sub-Genre der so eigenständigen “französischen” Elektro-Pop-Musik von der Sprach-Prägung herrührt und von sonst nicht viel anderem. Vielleicht verstehen sich der Elektro-Pop itself und die französische Sprache also so gut miteinander, weil sie irgendeine Meta-DNA teilen. Irgendwas, das eben nicht vom Faktor Europa anhängt, und das durch die Sprach-Synapsen des Hirns so glücklich verfremdet wird. Und vielleicht hat es zusätzlich ja was mit der Aufgeklärtheit einer Gesellschaft zu tun. Hätte Valaire, äh ich meine Voltaire zu diesem Album getanzt?

Misteur Valaire Cover

Aber zurück zur Musik. Letztlich also geleitete der Band-Pfad auf halben Umwegen zu heutiger Blüte. “Known By Sight” (Feat. Milk & Bone) ist köstlich. “Mountains Of Illusion” (Feat. Jamie Lidell) ist köstlich. Und “La nature à con meilleur” auch, und “Space Food” auch. Und noch vieles mehr. Originelle, tanzbare, fette, softe, rockige, gefühlvolle, verspielte oder, öh, naja, angejazzte Stücke lassen praktisch durchgehend das Niveau ganz weit oben. Man höre es sich halt mal online an. Ist ja ganz einfach. Und dann zähle man die Wochen, bis der erste Track langweilt.

Ein Jammer ist nur, dass die aktuelle Tour von Misteur Valaire schon fast wieder vorbei ist. Und ein Jammer ist, dass ich das hier so spät schreibe. Aber verdammt, ich hab ja auch anderes zu tun! Und wer weiß, wer das hier überhaupt zu Ende liest? Also freue ich mich einfach mal für die unten aufgeführten drei deutschen Städte, in die diese Band noch reist. Mein aufgeklärtes Herz reist hinterher. Vive la langue française!

Wertung von 10:
8von10-klein



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Tour:
08.10. Hannover – Mephisto
09.10. Münster – Gleis 22
10.10. München – Ampere