willy gantrim cover1

Wenn Willy Gantrim in einem seiner Lovesongs “True” auf “You” reimt, tut er das natürlich genauso wie ein deutscher Schlagerstar, der “Herz” auf “Schmerz” reimt. Beides ist vollkommen okay und beides hat Tradition. Deal with it. Und überhaupt: weniger sollte man Reime an ihrer verzwirbelten (Nicht-)Originalität messen, und viel mehr an ihrem Song-Umfeld, dem Klima, in dem sie funktionieren sollen, und die Haltung, die sie verkörpern. Das Wort „kaleidoskopisch“ fällt mir hier ein. Komischer erster Absatz, egal, weiter.

Willy Gantrims Umfeld ist Brooklyn, das Bühnen-Klima ist rau und seine Haltung ist ein wenig gebückt. Nicht traurig und verwegen, sondern gebückt. In gebückter Haltung veröffentlichte Gantrim nun schon so einige Songs. Diese kann man sich bei bandcamp anhören und stößt dabei schnell auf das Cover einer seiner Veröffentlichungen von 2010. Die hieß “Willy Gantrim Sings Country, Blues And Ballads” und hatte ein merkwürdiges Cover. Und ohne große Umschweife komm ich zum Punkt: Im unteren Bild links ist Bob Dylan 1964 zu sehen, rechts im Bild Willy Gantrim’s Album-Cover Foto von 2010. Merkste was?

Dylan Gantrim Vergleich

Ich find es ja manchmal okeh, dass man Folker, die ein bisschen ursprünglicher klingen, reflexartig mit dem frühen Rotzlöffel-Folk von Dylan vergleichen will. Aber wenn ein Musiker diesen Job gleich selbst übernimmt, wird mir halt ein bisschen schwindelig. Hinzu kommt ja, dass Gantrim auch noch so eine quäkende Anti-Singstimme pflegt, die gefällt und gleichzeitig nicht gefällt. Und natürlich singt diese Stimme vom On-The-Road kleben, vom Seufzen hinter Gardinen und von der Schwere des Gitarrenkoffers. Überraschung, Überraschung.

Aber: ich mag den schunkeligen Opener “Alone & Adrift”, ich mag den spartanischen Einsatz des Vibraphones auf dem Album, ich mag, dass Gantrims Facebook-Auftritt praktisch nicht vorhanden ist und ich mag den Song “A Brief Sigh”. Da erinnert mich Gantrim nämlich sehr stark an den schon wieder vergessenen Folker Elvis Perkins (der übrigens der Sohn von Anthony Perkins ist, jaa, dem Hitchcock-Psycho-Norman Bates-Schauspieler!!) Also, Elvis Perkins sah ich 2007 jedenfalls mal als Vorband von Clap Your Hands Say Yeah und fand ihn verdammt gut. Auf seiner Webseite und Facebook-Fanpage hat sich nu aber auch schon wieder seit Jahren nichts getan. Aber empfehlen kann ich sein Album Ash Wednesday (2007) sehr. Ein vergangener Geheimtipp quasi.

willy gantrim cover2

Und da haben wirs: ich empfehle in einer Rezension über Willy Gantrim einen ganz anderen Künstler! Aber dafür dass Gantrim hier auf seinem ersten “richtigen” Album stets vorgibt zu wissen, wo die Fahrt hingehen soll, kratzt seine Slide Guitar dann doch eher oberflächlich an den Schatztruhen des amerikanischen Storytellings. Da gefallen mir seine älteren Aufnahmen merkwürdigerweise besser.

Ein leicht empörter Dylan-Nachgeschmack bleibt bei mir zum Schluss übrig und ein mittelmäßiges Schulterzucken auch. Aber ich schwöre, das hat nichts mit seinen Reimen zu tun! Reimen wird eh vollkommen überschätzt.

Wertung von 10:

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