MF MB live

Was man während Band-Interviews möglichst vermeiden soll zu fragen: wie ist es, die einzige Frau in der Gruppe zu sein? Oder: was bedeutet euer Bandname? Oder: wie würde euer Leben aussehen, würde sich eure Band morgen auflösen? Letztere Frage aber stelle ich den schwedischen Dance-Rockern von MF/MB/ bei schummriger Barbeleuchtung, Kaffee und Sandwiches. Manche Bandmitglieder hören schlagartig auf zu kauen.

Christine, die einzige Frau in der Gruppe, lacht etwas irre, sagt sofort: “Oh. That’s not gonna happen.” Victor, der verschlossene Sänger von MF/MB/, schaut mir in diesem Moment zum ersten mal kurz aber scharf in die Augen, so als würde er denken: “Wer ist dieser Teufel?” Drummer Erik meint: “Das wäre, als würde eine Liebesbeziehung zerbrechen.” Zweiter Drummer Kristoffer fragt: “Hieße das dann auch, wir dürften uns auf der Straße nicht mehr grüßen?!” Alle sind fassungslos, ringen nach Metaphern für Tod und Depression. Ich werde verlegen ob meiner Frage. Man sieht mir mein rotes Gesicht bei diesem Licht hier aber zum Glück nicht an. Ich quittiere meinen Fauxpas dann lieber selbst: “Naja, ehem, die Band ist also euer ganzes Leben.”

Ein großes Band-Leben. Eines, das seit inzwischen acht Jahren Knoten bildet zwischen sechs kleineren Musiker-Leben. Und alles fing ganz klassisch an. Schulfreunde, die im ländlichen Norden Schwedens die eigenen Instrumente zu Covern von z.B. Arcade Fire spielen lernen. Dann Umzug nach Malmö. Auf dem Weg zum ersten Gig einen Bandnamen erfunden. “Das ist übrigens der schlechteste Bandname auf der ganzen Welt. Keiner kann ihn sich merken.”, sagt Erik. Ich füge hinzu: “Naja, vor allem kann man wegen der Slash-Balken keine Dateinamen mit eurem korrekten Bandnamen in einen Computer eingeben.” Die Band lacht bedauernd. Ihren Bandnamen kommentieren sie inzwischen, ohne nach ihm gefragt zu werden. Ich will dann jedenfalls nur die neueste Definition der vier großen Buchstaben wissen. Christine schlägt “MF M Bird.” vor. Beim nächsten Interviewer wird sie vielleicht origineller sein.

Dann erzähle ich davon, wie extrem laut ich ihr neues Album Colossus die vergangenen Tage hörte, weil bei mir in der Wohnung nach einem neulichen Rohrbruch riesige Trockner-Maschinen aufgestellt sind, die 14 Stunden am Tag laufen und übertönt werden wollen. Wieder Bedauern seitens der Band gemischt aber mit Freude. Gitarrist Joackim: “Ja, aber das ist genau unsere Empfehlung. Colossus hört man am besten sehr laut, damit man an unser Live-Feeling etwas rankommt.” Vorgängeralbum Folded (2010) dagegen funktioniert anders, versprüht weniger Energie, wirkt tapsiger, wie ein erster Versuch eben. Und damals spielte man auch noch nicht mit zwei Drummern. Jocke: “Folded is kind of lame.” Alle lachen. Nur noch drei Songs des Vorgängers schaffen es in heutige Setlists von MF/MB/.

Vielleicht auch weil “Folded früher oft mit dem Sound von U2 oder New Model Army verglichen wurde. Seit Colossus fallen eher Vergleiche zu Siouxsie and the Banshees”, kommentiert Christine meine Frage nach ihrem Achtziger Sound-Einfluss. Außerdem covert die Band den Big Black-Klassiker “Passing Complexion”! “Wir hören viel Musik aus den Achtzigern. Es ist der Gitarren- und Drum-Sound, der es uns angetan hat.” Und natürlich lieben sie alle die Pixies. (Und natürlich nutze ich die Gelegenheit, ihnen von der neuen Pixies EP abzuraten!)

[youtube id=”gygsnNEOp_0″ mode=”normal”]

Colossus also sprüht vor großen tanzbaren Posen. Und steht damit im Gegensatz zu seinen Lyrics, für die vor allem Sänger Victor verantwortlich ist. Ich frage nach diesem Kontrast. Denn viele Texte handeln von Isolation, menschlicher Distanz, unerfüllten Fantasien, Was-wäre-wenn-Szenarien. Sehnsüchte verbaut in kleinen Posen. Victor: “Ja sicher, … manchmal … ich weiß nicht … im Song The Worst Dreams … ich singe da zu einer Person … die ich mal kannte … du … ja … du liegst … gar nicht so falsch.” Victor hat seine eigene Art zu sprechen. So vermeidet er außer in Momenten der Schockiertheit (siehe oben) fast immer den Augenkontakt. Er scheint Schwierigkeiten zu haben, die passenden Worte zu finden. Er nimmt sich Zeit für eine Antwort, wirkt dabei behäbig. Aber niemand unterbricht ihn. Weder im Interview noch später auf der Bühne.

Denn auf der Bühne scheint er jemand anderes zu sein. Dort schreit er seine klagenden Texte heraus, handelt unüberlegt, ganz losgelöst. Und dort taut er an verschiedenen Stellen seiner Oberfläche vollkommen auf. Backstage frage ich ihn heute Nacht dann wenige Minuten vor dem Auftritt, ob er seine Person für die Bühne erst einstellen muss. Das frage ich, nachdem ich ihn mehrere Minuten mit vor dem Gesicht verschränkten Händen im Raum stehen sehe. Und während Christine vor einem Spiegel verschiedene Bühnen-Dresses ausprobiert, Drummer Erik und Kristoffer ihre Muskulaturen lockern, im Hintergrund Clash’s “London Calling” läuft und irgendwer den Bandnamen auf die Wand schreibt und dann auf Facebook postet, zieht Victor nur an seiner Zigarette und antwortet: “Maybe.”

Plötzlich schauen alle ganz entgeistert aus dem Fenster und winken und jubeln. Ich bleibe träge sitzen und frage, ob da draußen ein Feuerwerk zu sehen sei oder was ist los. Nein. Die U-Bahn fährt nur auf Fensterhöhe vorbei. Ich springe auf. Ein wunderbarer und banaler Anblick in dieser Nacht. Aber einer, der die Aufladung dieses Raumes zusammenfasst. Ein heller, gelber Strahl, der quietschend durch die Dunkelheit schneidet. Da nimmt jemand Kontakt auf. Berlin Calling. Als jemand auf die Uhr schaut, ist es schon Zehn nach Zwölf. Na dann mal runter. “Have fun guys.” “You too!” Die Vorfreude können sie meinem Gesicht nicht ansehen. Es ist zu dunkel im Magnet Club.

Und als alle unten ankommen, ist Victor schon durch seinen unsichtbaren Tunnel durch, wirkt wie ausgewechselt. Nach wenigen Songs wirft er seinen Körper hin und her. Trifft Christine, schmeißt Teile des Bühnenaufbaus um, trifft beinahe die Dame rechts von mir, die duckt sich tanzend weg. Victors Bühnenplatz reicht kaum aus. Irgendwann wird “Passing Complexion” gespielt. Ein wunderbares Cover. Victor schreit und schreit. Die zwei Drumsets schreien ihm von hinten nach. Christine singt. Und MF/MB/ spielen auch ihre drei Songs von Album Folded, “A Beautiful Sigh” zum Beispiel. Gar nicht lame übrigens, sondern live ebenfalls enorm stark. Das dürfte der Gesamteinfluss der Arbeit an Colossus sein. Es gibt kaum Ansagen, mal ein Danke. Mehr Wert wird auf das Tanzen gelegt. Das Publikum dankt es der Band sehr. Und als sie nach der Zugabe schon von der Bühne gegangen ist, haut eine Konzertbesucherin noch wie in Trance mit dem Mikrofon auf den Saiten des herumliegenden Bass herum. Klong, Klong, Klong. Ihr verzerrtes Betteln nach noch einer Zugabe bleibt unerfüllt aber nachvollziehbar. Denn sie weiß, MF/MB/ steht auch für verdammt gute Live-Shows.