Wave Interference Pattern - Photo by Berenice Abbott

Jake Bellows, ehemals Kopf der Omaha Band Neva Dinova, tauchte zu einer Zeit ab, als es schlecht stand um bodenständig-sanften Alt-Folk aus den Staaten. Ja, 2008 schien ein ganzes Genre auf der Stelle zu treten, zu texten und zu klingen. Eine Musiker-Generation begann sich unweigerlich reihum auszudünnen. Was den Sprung aus dem Tal der beherzten Melancholie verpasste, blieb eben zurück. So auch Neva Dinova. Also nahm Jake Bellows einen seriösen Beruf auf. Er wurde Auslieferer für einen Sandwich-Bestelldienst. Das aber war er in Kalifornien, nicht Nebraska. Vielleicht wechselte er auch aus Scham den Bundesstaat. Sein Abgang jedenfalls war dann einer, den niemand mehr wahrnahm. Und während er an Türen von College Studenten klingelte, auf ein paar Dollar Trinkgeld hoffend, wird er bestimmt auch manchmal an die alten Zeiten gedacht haben, an das Publikum, die Lichter und die Töne. Er selbst begründete seinen Schritt aus dem Musikerleben in einem Interview damit, nicht mehr gewusst zu haben, warum er das alles noch mache. Vielleicht eine Form des Burnout.

Wie viele wurde auch ich erst durch Neva Dinova’s Split EP mit Bright Eyes (One Jug Of Wine, Two Vessels, 2004), auf die Band aufmerksam gemacht. Das war vor fast zehn Jahren. Die EP war ein Band-Meilenstein, der in Europa auch wahrgenommen wurde, weil er eben verBrightEyesiert daher kam. Zurecht wurde die EP 2010 von Saddle Creek neu auflegte. Vergleicht man sie aber mit dem selbst betitelten Debüt von Neva Dinova (2002) oder insbesondere ihrem unbestreitbar besten Album The Hate Yourself Change (2005), fällt schnell auf, dass die Stärke von Bellows und Co. immer eher in der wohligen Soundbreite lag als in allzu folkigem Vertrauen in die Gitarre.

[youtube id=”EPMN4s49_PU” mode=”normal” align=”center”]

Ebenfalls auf Saddle Creek erschien kürzlich also Jake Bellows’ erstes Solo-Album. Es heißt New Ocean. Und klar ist, dass es kein Versuch werden durfte, die alte Neva Dinova-Nummer solo noch mal durchzuziehen. Der Weg zurück ist viel zu steil.

Was Bellows dennoch nicht los werden will, ist seine eigens kultivierte Form der romantischen Vergeigtheit. Diese entblößt sich heute zwar auf viel kleinerer, zurück gestutzter Sound-Fläche als zu Zeiten von Neva Dinova. Aber das liegt einerseits an der Art, wie man heute diese Sorte Alt-Folk Platten gemeinhin produziert und andererseits daran, dass Bellows Stimme mit den Jahren einiges an Schatten gewonnen hat. Viele Songs klingen spießig aufgeräumt (“I Know You”), manches anbiedernd radio-ready (“All Right Now”) anderes bemüht (“Help”). Wenig aber will hängen bleiben.

Aber dann gibt es da den Song “I Can’t Wait”. Er ist mit Abstand das Gelungenste auf New Ocean. Paradoxerweise ist es der kürzeste und mit Stimme, Akustikgitarre und sanften Frauenchor der am sensibelsten orchestrierte Song des Albums. Darin singt Bellows “I can’t wait to see the day I hold your face between my hands” und singt und singt und wird plötzlich er selbst bei dieser Trockenübung. Und zum ersten und letzten mal auf New Ocean klingt Bellows nicht aufgesetzt, sondern schlicht zufrieden. Zufrieden mit dem Verzicht und zufrieden mit der Sehnsucht. (S)ein Idealzustand.

Bellows wird in einer seiner vergangenen Sandwich-Mittagspausen die Sorge gekreuzt haben: was wenn mein Comeback nicht funktioniert? Sollte es nicht funktionieren, dürfte es meiner Ansicht nach an zweierlei Gründen liegen. 1) ist das hier kein Comeback, sondern der etwas zaghafte Versuch in den Raum des Mittelmaßes zurückzukehren. Und 2) umweht Bellows eben zu keinem Zeitpunkt der Wind des Genre-Veteranen, dem man heute zuhören muss. Ja, Bellows ist in keiner Form wirklich zurück. Aber Bellows ist auf dem Weg zu einer Form. Mehr sollte man von New Ocean nicht erwarten.

Wertung von 10 Comebacks:

5von10-klein

Live:

29.11. (CH) Baden – Royal
30.11. Geißlingen – Schlachthof
01.12. Freiburg – Swamp
02.12. (CH) Winterthur – Portier
03.12. Karlsruhe – Wohnzimmerkonzert
05.12. Hamburg – Molotow (w/ Cates Leila)
06.12. Düsseldorf – Kassette
07.12. Köln – Die Wohngemeinschaft
08.12. Darmstadt – Bedroomdisco

[youtube id=”1B2UGlZXkNs” mode=”normal” align=”center”]